1. Darf ich einen Lieblingsenkel haben?

Die einen kennen es vielleicht noch aus der eigenen Kindheit, andere ertappen sich selbst dabei: Die Rede ist von Lieblingskindern.

Familienforscher sind sich einig, dass ein Abstreiten nicht hilft und dass wohl jede Mutter, jeder Vater, jede Oma und jeder Opa zeitweilig ein Lieblingskind hat.

Sie fühlen sich dem einen Kind näher als dem anderen, was unterschiedliche Gründe haben mag.
Doch die Tatsache, dass es zumindest zeitweilig einen Lieblingsenkel gibt, ändert nichts daran, dass sie eine Benachteiligung für die anderen Kindern darstellt.
Daher stellt sich die Frage: Wie viel Ungleichbehandlung ist in Ordnung und darf ich einen Lieblingsenkel haben?

Lieblingsenkel
Omas Lieblingsenkel

2. Kann Liebe gerecht verteilt werden?

In der Theorie müssen alle Enkelkinder gleich geliebt werden.
In der Praxis sieht das aber häufig anders aus und Oma mag den willensstarken und emotionalen Jungen vielleicht weniger als das folgsame, nette Enkelmädchen. Auch wenn versucht wird, die Liebe gerecht zu verteilen, ist das nicht immer möglich.
Häufiger Grund laut Psychologen: Großeltern (und Eltern) vergleichen sich mit den Kindern und suchen nach Gemeinsamkeiten. Das Kind, welches einem selbst am ähnlichsten erscheint, wird oft bevorzugt.

Um die Frage in der Überschrift zu beantworten:
Ja, es ist möglich, Liebe gerecht zu verteilen. Dafür muss aber ein Bewusstsein für die Feinheiten der Ungleichbehandlung entwickelt werden. Wer diese erkennt, kann sie auch ausgleichen.
Vielleicht werden andere Dinge gemeinsam unternommen, andere Gespräche geführt.
Wichtig ist, dass sich jedes Enkelkind gleichermaßen angenommen und geliebt fühlt.

3. Liebe ich meine Enkelkinder gleich?

Um diese Frage beantworten zu können, hilft nur ein gehöriges Maß an Selbstreflexion.
Oma und Opa sollten den Alltag mit den Enkelkindern kritisch betrachten:

  • Darf ein Kind etwas, das das andere nicht darf?
  • Werden kleine Fehler, Missetaten und Fehlverhalten unterschiedlich stark kritisiert?
  • Trägt man einem Kind etwas nach?
  • Steht ein Kind stärker unter Beobachtung als ein anderes (in Bezug auf ein nicht gewünschtes Verhalten)?
  • Wird mit einem Kind mehr unternommen, mehr geredet?

Aus der Beantwortung der Fragen können sich Unterschiede in der vermeintlichen Gleichbehandlung zeigen.

4. Was bewirkt die Bevorzugung eines Enkelkindes?

Forscher haben inzwischen nachgewiesen, dass die Ungleichbehandlung im Kindesalter Auswirkungen auf den späteren Erwachsenen haben wird.
Ein Kind, welches sich in der Familie zurückgesetzt fühlt, kann später eher und stärker unter depressiven Verstimmungen oder gar Depressionen leiden.
Es wird weniger selbstbewusst auftreten, wobei sich ein mangelndes Selbstbewusstsein schon im Kindesalter zeigen wird.
Kinder, die sich zurückgesetzt fühlen, streben nach Aufmerksamkeit und sei es in Form negativer Aufmerksamkeit mit Schimpfen und genervten Äußerungen seitens der Erwachsenen.

Insgesamt wird damit also die gesunde Entwicklung des Kindes zu einem selbstbewussten, emotional starken und mit einem guten Maß an Selbstvertrauen ausgestatteten Erwachsenen gestört.

5. Wie kann ich mehreren Enkelkindern gerecht werden?

Es ist gar nicht so schwer, alle Enkelkinder gleich zu behandeln.
Wichtig ist dafür, die vermeintlichen Gemeinsamkeiten mit der eigenen Person weniger in den Fokus zu stellen.
Auch wenn Oma eher eine ruhige Natur hat, ist die quirlige Enkeltochter ein Gewinn!
Sie bringt Leben ins Haus, sorgt für mehr Aktivität, fragt Löcher in den Bauch und regt damit zum Nachdenken an.
Jedes Kind ist auf seine Weise ein Gewinn für Oma und Opa. Großeltern sollten daher versuchen, vor allem emotional neutral zu bleiben.
Das gilt auch gegenüber Enkelkindern, die gern mal aus der Reihe tanzen, die ihre Meinung lautstark verkünden und scheinbar erst reden und dann denken.

Bei den Aktivitäten mit den Enkeln, die über das Backen von Lieblingskeksen bis hin zum gemeinsamen Basteln und Werken  gehen, sollten Großeltern auf eine Gleichbehandlung achten.
Natürlich wird es immer Unterschiede geben, die schon allein interessenbedingt sind.

Der Enkelsohn möchte nicht mit ins Schwimmbad, Enkel Nr. 2 ist aber eine Wasserratte?
Dann wird eben mit Enkel Nr. 1 etwas anderes unternommen!
Dafür genießt jedes der Kinder eine Exklusiv-Zeit mit den Großeltern.

Wichtig ist allerdings, sich hier nicht unter Druck zu setzen. Ein Kind möchte partout nichts mit unternehmen? Dann eben nicht, es wäre dem anderen Kind gegenüber ebenso falsch, nun auf alle Unternehmungen zu verzichten.

6. Ungleichbehandlung von erwachsenen Kindern

Wenn Oma und Opa einen Lieblingsenkel haben, setzt sich das meist über das Kindesalter hinaus fort.
Die Ungleichbehandlung von erwachsenen Kindern führt jedoch zu noch stärkeren Spannungen.
Nicht nur, dass sich die „zurückgesetzten“ Kinder von den Großeltern abwenden, werden auch noch Spannungen unter den Geschwistern verstärkt.
Nicht selten werden eventuelle Erbansprüche unterstellt und es kommt zum Zerbrechen der Familie.

Großeltern sollten sich daher so früh wie möglich eingestehen, dass sie einen Lieblingsenkel haben, und rechtzeitig Gegenmaßnahmen ergreifen. Und: Die Ungleichbehandlung von erwachsenen Kindern ist für die jeweils anderen Kinder genauso schlimm wie im Kindesalter!

7. Zusammenfassung: Ist es schlimm, einen Lieblingsenkel zu haben?

Wohl alle Großeltern haben von Zeit zu Zeit einen Lieblingsenkel, auch wenn sie sich das nicht eingestehen wollen.
Solange dies kein Dauerzustand ist und sich andere Enkel nicht zurückgesetzt fühlen, ist das auch völlig okay.

In anderen Situationen wird ein anderes Enkelchen wieder zum Liebling auserkoren!

Wichtig ist jedoch, dass in Summe alle die gleiche Aufmerksamkeit bekommen und sich gleich geliebt fühlen. Schließlich werden auch die Enkel nicht jederzeit sowohl Oma als auch Opa gleich lieb haben, spätestens bei einer Auseinandersetzung oder einem Verbot ist die Harmonie zeitweise gestört.
Doch ebenso, wie sich dies bei Kindern wieder angleicht, müssen auch Großeltern versuchen, die Waage zu finden und zu halten.
Jedes Kind hat ein Recht darauf, der absolute Liebling zu sein!

Autor dieses Beitrages: Jürgen Busch
Aus dem Themenbereich: Großeltern

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