Zwei Hände nähern sich behutsam – nach einem Kontaktabbruch wieder zueinander finden

Nach einem Kontaktabbruch wieder zueinander zu finden, ist ein schmerzhafter, aber lohnender Weg. Er führt über ehrliche Gespräche, über Vergebung — auch sich selbst gegenüber — und über das Heilen alter Wunden. Dieser einfühlsame Beitrag zeigt, wie Eltern und Großeltern aus festgefahrenen Konflikten wieder herausfinden können.

📚 Teil 2 der Serie zum Kontaktabbruch in der Familie. Den Abschluss bildet Teil 3: Wenn gar nichts mehr zu gehen scheint.

Gastbeitrag

von Sybille Herold · Diplom-Psychologin
25.06.2026 · Kategorie: Familie
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🛤️ Neue Wege nach einem Kontaktabbruch finden

Nach einem Kontaktabbruch neue Wege zueinander finden

Der Weg in die innere Freiheit im Umgang der heutigen Eltern mit den eigenen Eltern führt über Gespräche und die innere Auseinandersetzung mit dem Thema. Hilfreich ist, sich einmal genauer anzuschauen, was damals in der Kindheit passiert ist: Wie haben sich die Eltern als Kind dieser Familie gefühlt? Was haben sie vermisst?

Großeltern sollten sich anhören, wie ihre Kinder die Kindheit erlebt haben — wo es schmerzhafte Erfahrungen gab. Und das anerkennen, selbst wenn es sehr wehtun kann (Gefühle können nie falsch sein). Nicht sofort in Verteidigung, Bagatellisierung und Ent-Schuldigung gehen.

Erst in einem zweiten Schritt geht es um die gemeinsame, wohlwollende Suche nach den Gründen, die dazu geführt haben. Wohlwollend — denn es hilft niemandem, dabei den Orden „schlechtester Vater“ oder „schlechteste Mutter der Welt“ zu vergeben.

🕊️ Um Vergebung bitten

Um Vergebung bitten

Ziel könnte und sollte eine gewisse Vergebung sein. Nicht primär den Eltern zuliebe, und nicht, weil alles doch nicht so schlimm war — sondern in der Erkenntnis,

  • dass die Eltern sich damals — aufgrund ihrer eigenen Geschichte und Lebensumstände — nicht anders verhalten konnten. Vielleicht hatten sie nicht gelernt, ihre Liebe zu zeigen, taten sich mit unangenehmen Gefühlen schwer oder waren oft schlicht überfordert. Erwachsene Kinder können das oft erst besser nachvollziehen, wenn sie selbst erleben, wie stressig das Leben mit Kindern ist.
  • dass die Eltern heute anerkennen, dass ihren Kindern etwas gefehlt hat — Zeit und Zuwendung; dass die Kinder sich manchmal ungerecht behandelt fühlten, etwa gegenüber Geschwistern; dass sie ihre Bedürfnisse nicht ausreichend klarmachen konnten oder sich nicht so geliebt fühlten, wie sie waren.
Spruch über Vergebung

Vergeben müssen nicht nur die Kinder den Eltern. Eine ehrliche Entschuldigung ist dabei sehr hilfreich: „Es tut mir sehr leid, dass du dich damals so gefühlt hast. Das war nicht meine Absicht. Ich habe es nicht bemerkt.“

Zweiter Spruch über Vergebung

Vielleicht müssen die Großeltern aber an erster Stelle sich selbst vergeben. Das ist meist ein langwieriger, schmerzlicher Prozess. Dazu gehört, sich von Illusionen zu verabschieden: Perfekte Eltern kann es nicht geben, weil Eltern nur Menschen sind. Es kann immer nur darum gehen, seinen Elternjob gut genug gemacht zu haben — und wer will schon mit welcher Messlatte bewerten, wie weit das gelungen ist?

Die Eltern haben ihr Bestes gegeben — häufig, weil sie es damals nicht besser wussten, etwa aufgrund gängiger Erziehungsempfehlungen. Denken wir nur an den jahrzehntelang geltenden Ratschlag, Säuglinge schreien zu lassen. Heute wissen wir, dass das falsch war. Auch heutige Eltern handeln im Glauben, das Beste für ihr Kind zu tun.

Eine Gruppe heutiger Eltern macht sich dabei viel Druck — mit einem Hang zum Perfektionismus: viel gelesen, Podcasts gehört, von scheinbar perfekten Influencerinnen erklärt bekommen, wie eine „Supermama“ auszusehen hat. Sie wollen keine Fehler machen und das „beste Ergebnis“ erzielen: einen gesunden, gebildeten, selbstbewussten, glücklichen Menschen. Das wollten die heutigen Großeltern bei ihren Kindern aber auch — nur unter anderen gesellschaftlichen Bedingungen.

⚡ Häufig gibt es Streit wegen der richtigen Erziehung

Streit in der Familie wegen der richtigen Erziehung

Auch in Familien mit Kontakt gibt es sehr häufig Streit um die Frage „Wie erzieht man richtig?“. Dahinter stehen oft zwei unausgesprochene Fragen: Was hat uns als Eltern an eurer Erziehung damals geschadet? Und: Heißt es, wenn ihr es heute anders macht, dass wir damals alles falsch gemacht haben? Großeltern wünschen sich meist, mit ihren Erfahrungen wenigstens angehört zu werden. Eltern bestehen auf ihrem Recht, einen eigenen Weg zu wählen und eigene Fehler zu machen.

Es ist begrüßenswert, sich Gedanken zu machen, was Kinder brauchen. Aber wie alles im Leben lässt sich auch das übertreiben: Aus zu viel Optimierung kann für Kinder indirekt Druck entstehen, sich nun ja „optimal“ zu entwickeln. Junge Eltern müssen irgendwann schmerzhaft feststellen, dass sie das Schicksal ihres Kindes nicht allein „machen“ können — Eltern haben hohe Bedeutung, sind aber nicht der einzige Einflussfaktor. Und auch sie machen Fehler, wahrscheinlich nicht mehr als andere Eltern ihrer Generation.

Die Fehler der Großeltern liegen nicht nur in alten Erziehungstheorien begründet. Das meiste Elternverhalten wird davon bestimmt, wie man selbst erzogen wurde — was man sich von den eigenen Eltern abgeschaut hat. Wer selbst Gewalt erlebt hat, nimmt sich oft vor, die eigenen Kinder nicht zu schlagen — und ist dann in Stresssituationen manchmal so überfordert, dass ihm doch nichts Besseres einfällt. Es lohnt sich, als Großeltern noch einmal anzuschauen, wie man selbst erzogen wurde — und vielleicht in der Generationenfolge noch weiter zurückzugehen.

💚 Jetzt die Chancen nutzen, um alte Wunden zu heilen

Die Chance nutzen, um alte Wunden zu heilen

Es ist ein ungewohnter Gedanke, in den Konflikten rund um einen Kontaktabbruch neben allem Leid auch eine große Chance zu sehen: alte Wunden zu heilen und Milde im Umgang miteinander und mit den eigenen Fehlern zu lernen. Die offene Auseinandersetzung mit der Vergangenheit verlangt aber, die alten Geschichten unter dem Teppich hervorzuholen und sich selbstkritisch mit ihnen zu befassen. Das kostet Zeit und Kraft, die manchen zeitweise fehlt.

Manche Großeltern stecken zudem selbst in einer Lebenskrise, wenn nach dem Berufsleben die Frage nach dem Sinn des letzten Lebensdrittels aufkommt. Dann trifft es sie besonders hart, wenn der eingeplante Sinnbaustein „Oma- oder Opasein“ wegfällt. Andere fühlen sich hilflos — besonders, wenn es in der Familie nie eine gute Kommunikations- und Streitkultur gab. Doch es ist nie zu spät, diese zu erlernen. Holen Sie sich dafür ruhig Hilfe von Fachleuten, aus Podcasts und Büchern.

Großeltern sind durch die Abwendung ihrer erwachsenen Kinder oft tief verletzt und fühlen sich ohnmächtig. Inzwischen gibt es neben Büchern und Dokumentationen in vielen Städten Selbsthilfegruppen, die Unterstützung anbieten.

Menschen gehen verschieden mit ihrem Kummer um: Manche geben nach vielen Versuchen auf und reden sich — wie der Fuchs mit den zu sauren Trauben — ein, Großeltern würden ohnehin überschätzt (Rationalisierung). Andere verbannen das Thema aus ihren Gedanken (Verdrängung) — was an Geburtstagen und zu Weihnachten selten gelingt. Wieder andere quälen sich über Jahre mit ihrem Gram, der manchmal zu Hass auf eine vermeintlich schuldige Person wird — ein Hass, der krank machen kann. Manche suchen sich Ersatz-Enkel über Leihoma- und Leihopa-Initiativen oder Trost bei einem Tier.

Eine weitere Gruppe aber gibt nicht auf, will keinen Ersatz und sucht immer wieder nach Wegen, die Beziehung zu den Enkeln wiederherzustellen. Wenn Sie dazugehören, finden Sie konkrete Ideen im nächsten Teil.

🎁 Und was ist mit dem Geburtstag?

Genau an Geburtstagen und zu Weihnachten gelingt es eben nicht, das Thema zu verdrängen. Dann steht die Frage im Raum, die sich viele Großeltern stellen und über die kaum jemand spricht: Soll ich etwas schicken — oder mache ich damit alles nur schlimmer?

Die Frage, die kaum jemand stellt

Das Geschenk ist gekauft — und dann steht man da

Ein großes Paket wirkt wie Druck und kommt oft ungeöffnet zurück. Eine Karte dagegen kommt fast immer an — wenn sie das Richtige enthält und vor allem: wenn sie das Falsche weglässt. Und für das Geschenk selbst gibt es einen dritten Weg, den kaum jemand kennt: die Kiste. Sie kostet kein Porto und ist in dreizehn Jahren unbezahlbar.

Drei Fälle, drei Antworten — je nachdem, wie lange der Kontakt schon ruht und wie alt das Enkelkind ist. Dazu fünf Fehler, die alles verschlimmern.

Geschenke bei Kontaktabbruch — schicken oder nicht?


Weiterlesen — Teil 3

Wenn der Kontakt ganz abgebrochen ist: Was Großeltern dann noch tun können — vom behutsamen Dranbleiben bis zur Rechtslage.

→ Teil 3: Wenn gar nichts mehr zu gehen scheint

Wenn Worte allein nicht mehr reichen

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Die frühere Diplom-Psychologin Sybille Herold ist heute selbst Oma und kennt alle drei Seiten des Zusammenlebens von Enkeln, Eltern und Großeltern. Aus ihrer Zeit in der Familienberatung bringt sie viel Erfahrung mit. Das Buch fragt, wie wir uns an unsere eigenen Großeltern erinnern und welche Rolle Oma und Opa heute haben — wo feste Aufgaben liegen, wo Grenzen sind und was möglich ist, wenn keine Kontakte gewünscht werden. Ein einfühlsamer Begleiter rund um die Großelternschaft.

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❓ Häufige Fragen

Wie finden Eltern und Großeltern nach einem Kontaktabbruch wieder zueinander?

Über ehrliche Gespräche und die Bereitschaft zuzuhören, wie das erwachsene Kind seine Kindheit erlebt hat. Erst zuhören und anerkennen, dann gemeinsam und wohlwollend nach den Gründen suchen, statt sofort zu verteidigen oder Schuld zu verteilen.

Warum ist Vergebung wichtig — und wem gegenüber?

Vergebung befreit vor allem den, der vergibt. Oft müssen Großeltern zuerst sich selbst vergeben und sich vom Bild perfekter Eltern verabschieden: Es geht darum, den Elternjob „gut genug“ gemacht zu haben — niemand kann fehlerfrei erziehen.

Warum streiten Eltern und Großeltern so oft über Erziehung?

Weil hinter der Sachfrage zwei wunde Punkte stehen: Eltern fragen sich, was ihnen früher gefehlt hat, und Großeltern hören in jeder Neuerung den Vorwurf, früher alles falsch gemacht zu haben. Hilfreich ist, beide Bedürfnisse anzuerkennen — Anhören vs. eigener Weg.

Soll ich zum Geburtstag noch etwas schicken?

Große Geschenke wirken oft wie Druck und kommen zurück. Eine kurze, warme Karte ohne Forderung kommt dagegen fast immer an. Das eigentliche Geschenk legt man besser zur Seite: eingepackt, mit Datum, in eine Kiste. Ausführlich dazu: Geschenke bei Kontaktabbruch — schicken oder nicht?

Wo finden betroffene Großeltern Unterstützung?

In vielen Städten gibt es Selbsthilfegruppen, dazu Bücher, Dokumentationen und Podcasts. Bei anhaltender Belastung hilft professionelle Begleitung, etwa eine Familienberatung. Es ist nie zu spät, eine gute Kommunikations- und Streitkultur zu erlernen.

Was, wenn gar nichts mehr zu gehen scheint?

Dann gibt es trotzdem Wege, in Verbindung zu bleiben — vom behutsamen Dranbleiben mit Karten und Briefen bis zur Frage des Umgangsrechts. Das beschreibt Teil 3 der Serie ausführlich.

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Gastbeitrag von Sybille Herold (Diplom-Psychologin) · Themenschwerpunkt: Familie · Zuletzt geprüft am 14.07.2026