Warum brechen erwachsene Kinder den Kontakt zu ihren Eltern und Großeltern ab? Dieser einfühlsame Beitrag sammelt mögliche Gründe — von toxischen Beziehungsmustern über Trennungen bis zur Entfremdung durch Schwiegertochter oder Schwiegersohn — und hilft, die Hintergründe besser zu verstehen.
📑 Inhalt
- 📖 Vier Beispiele aus dem Leben
- ❔ Warum erwachsene Kinder den Kontakt abbrechen
- 🤍 Warum Großeltern die Gründe oft nicht verstehen
- 💔 Scheidung der Eltern
- 🚸 Wenn die Schwiegertochter die Enkel entfremdet
- 🍬 Unterschiedliche Erziehungsansichten
- 🧭 Was Betroffenen hilft
- 🚪 Wenn Großeltern den Kontakt ablehnen
- 📚 Buchempfehlung & Hilfe
- ❓ Häufige Fragen
📖 Vier Beispiele aus dem Leben
Die Gründe und Verläufe sind so verschieden wie die Menschen. Vier Geschichten (alle Namen geändert) zeigen, wie unterschiedlich sich ein Kontaktabbruch anfühlen kann:
Karin ist Oma zweier Enkelinnen (3 und 6). Sie wohnt mit ihrem Sohn in derselben Kleinstadt — kennt aber nicht einmal seine Anschrift. Die Mädchen sieht sie selten, meist auf Initiative der Schwiegertochter, übergeben auf einem Supermarkt-Parkplatz. Ihre Nachrichten bleiben meist unbeantwortet.
Klaus hat zwei Söhne durch Trennungen verloren — einen leiblichen und einen, für den er jahrelang ein liebevoller Stiefvater war. Heute sind beide erwachsen. Von einem hörte er nie wieder; vom anderen weiß er nur, dass es zwei Enkel gibt, von denen er sich so sehr ein Lebenszeichen wünscht.
Detlef und Susanne: Einen Tag nach seinem 18. Geburtstag packte Steven seinen Koffer und verschwand fast spurlos — vor 13 Jahren. Nie wieder ein Wort. Er soll heute in Hamburg leben, verheiratet, drei Kinder. Sagt der Buschfunk.
Maike schrieb mir: Kurz nach der Geburt ihres Sohnes teilte ihr die eigene Mutter mit, sie werde den Kontakt abbrechen — und wolle den Enkel nicht einmal kennenlernen.
❔ Warum erwachsene Kinder den Kontakt abbrechen
Wurden sie geschlagen, missbraucht, nicht geliebt? Dann fiele es leichter, den Entschluss zu verstehen. Doch oft sind die Eltern alles andere als Rabeneltern — manche wollten eher Freunde ihrer Kinder sein, haben vielleicht zu nachgiebig erzogen oder Auseinandersetzungen gescheut. Eine allumfassende Antwort auf die Frage nach den Gründen gibt es nicht; die Geschichten sind zu verschieden. Aber einige Puzzleteile aus vielen Gesprächen:
- „Meine Eltern tun mir nicht gut. Wir haben eine toxische Beziehung — ständige Kränkungen, Streit und emotionaler Dauerstress. Davor will ich mich (und die Enkel) schützen.“
- Manche Eltern räumen ein: „Wir haben zu wenig gestritten. Unser Harmoniestreben hat vieles glattgebügelt, das hätte ausgesprochen werden müssen.“
- „Am Friede-Freude-Eierkuchen zu Weihnachten ersticke ich. Es fühlt sich unehrlich an — aber ansprechen kann ich es nicht, ich bekomme immer die Schuld.“
- „Ich fühlte mich nie gesehen, immer als Enttäuschung — schon als Kind.“
- „Meine Eltern glauben zu wissen, was gut für mich ist, und drängen mich ständig. Ich habe keine Lust, mich immer zu rechtfertigen.“
- „Unsere Eltern haben uns Geschwister nie fair behandelt — und jetzt ist es bei den Enkeln genauso.“

Hinter einem Kontaktabbruch steht selten ein einziger Grund, sondern ein Geflecht aus Erfahrungen, Kränkungen und unterschiedlichem Erleben. Wer diese Hintergründe versteht, kann eher gelassen bleiben — und findet leichter einen eigenen Umgang mit der Situation.
🤍 Warum Großeltern die Gründe oft nicht verstehen
Großeltern werden häufig ohne klare Erklärung zurückgelassen — vorangegangene Gespräche liefen oft so schief, dass ihre erwachsenen Kinder sich nicht verstanden fühlten. Dann grübeln Großeltern jahrelang, können das Kapitel nicht abschließen und leiden; nicht wenige erkranken körperlich oder seelisch.
Auch die „Kinder“ sind nach einem vermeintlichen Befreiungsschlag selten wirklich frei: Ungelöste Probleme bleiben bestehen, ob man den Kopf in den Sand steckt oder nicht. Wer das familiäre Zusammensein nicht mehr aushält und den eigenen Kindern die Großeltern vorenthält, lässt die Großeltern letztlich noch immer mitbestimmen, was sein darf und was nicht.
Es ist ein schmerzlicher Prozess zu begreifen, dass man die ersehnten perfekten Eltern nie hatte und rückwirkend nie mehr bekommen wird, was man als Kind gebraucht hätte. Niemand kann seine Vergangenheit umschreiben. Möglich ist aber, hier und heute eine neue Beziehung zwischen erwachsenen Menschen aufzubauen, die sich gut anfühlt.
💔 Scheidung der Eltern — Kontaktabbruch zu den Enkelkindern

Enkelkinder können den Großeltern auch bei einer Trennung der Eltern „verloren gehen“ — vor allem, wenn nach der Trennung kein Kontakt zur Familie jenes Elternteils mehr erwünscht ist, bei dem die Kinder nicht leben. Besonders häufig, wenn dieser Elternteil selbst keinen Kontakt mehr hat.
Manchen Eltern gelingt es nicht, eigene Verletzungen und Loyalitätskonflikte so zurückzustellen, dass den Kindern die Großeltern beider Seiten erhalten bleiben. Auch Großeltern halten sich aus Loyalität zum eigenen Kind manchmal zu wenig mit Urteilen zurück — und es wird viel Porzellan zerschlagen. Dabei ist klar: Das Scheitern einer Beziehung hat immer mit beiden Partnern zu tun. Einfacher ist nur, einem allein die Schuld zu geben.
Schätzungen zufolge verlieren in Deutschland jährlich 30.000 bis 50.000 Kinder nach einer Trennung den Kontakt zu einem Elternteil — und damit meist auch zu dessen Zweig der Familie und den Großeltern. Nicht selten hörte ich den Satz: „Ich sage lieber gar nichts mehr — sonst darf ich meine Enkel nicht mehr sehen.“ Die Drohung mit einem Kontaktabbruch schwebt wie ein Damoklesschwert.
🚸 Wenn die Schwiegertochter die Enkel entfremdet oder vorenthält
Viele Großeltern erleben, dass eine Schwiegertochter (oder ein Schwiegersohn) den Kontakt zu den Enkeln steuert, einschränkt oder ganz unterbindet — wie im Beispiel von Oma Karin, deren Enkelinnen nur auf einem Parkplatz übergeben werden. Fachleute sprechen von Eltern-Kind-Entfremdung, wenn ein Elternteil das Kind systematisch gegen die andere Seite der Familie einnimmt.
So weh es tut: Vorwürfe und Druck verschärfen die Lage meist. Hilfreicher ist, das eigene Verhältnis zum eigenen Kind (dem Sohn bzw. der Tochter) zu stärken, ruhig und verlässlich erreichbar zu bleiben und Konflikte nicht über die Enkel auszutragen. Bei Trennungsfamilien bietet die BIGE – Bundesinitiative Großeltern Beratung und regionale Gruppen (siehe unten).
🍬 Unterschiedliche Erziehungsansichten reduzieren die Kontakte
In manchen Geschichten hatte ich den Eindruck, dass Großeltern noch nicht verstanden hatten, dass sie mit der Geburt der Enkel in der Familienhierarchie eine Ebene nach hinten gerückt sind. Sorgeberechtigt sind die Eltern — sie haben, wie einst die Großeltern, das Recht, über ihre Erziehung zu entscheiden. (Manchmal hilft die Erinnerung, wie einem selbst die gut gemeinten Ratschläge der eigenen Eltern gefallen haben.)
Wollen die Eltern keine christliche Erziehung der Enkel, sollten Oma und Opa nicht heimlich mit ihnen in den Gottesdienst. Achten die Eltern auf zuckerfreie Ernährung, sind heimliche Süßigkeiten-Orgien tabu — erst recht das „Sag’s aber nicht Mama!“. Großeltern sollten die Erziehung weder direkt noch indirekt boykottieren, sondern einvernehmliche Lösungen suchen. In Kleinigkeiten dürfen Kinder ruhig erfahren, dass Menschen Dinge verschieden handhaben — solange es wechselseitigen Respekt gibt.
🧭 Was Betroffenen bei einem Kontaktabbruch hilft

Manchmal hilft es, in die Haut der Kinder zu schlüpfen: Was erzählen sie anderen über den Grund des Abbruchs? Im gezeichneten Bild werden Sie sich vermutlich kaum wiedererkennen — doch selbst in ungerechtfertigter Kritik steckt oft ein Körnchen Wahrheit, das zu finden sich lohnt.
Machen Sie sich bewusst, dass zwei Menschen dieselbe Situation sehr unterschiedlich erinnern. Das kennt man von Zeugen inszenierter Unfälle: Aus einem Leichtverletzten wurden bei der zehnten Erzählung zwei Tote, ein „ganz sicher blaues“ Auto war in Wirklichkeit rot. Unser Gehirn sucht nach Bestätigung des eigenen Weltbildes, und mit jedem Erinnern wird die Geschichte neu — und oft verändert — abgespeichert.
Lassen Sie also stehen, wenn Ihr Kind eine andere Darstellung hat. Erzählen Sie Ihre eigene — und halten Sie fest, dass die Wahrheit vermutlich irgendwo in der Mitte liegt.
🚪 Wenn Großeltern den Kontakt ablehnen oder verhindern
Es gibt auch die andere Richtung. Eltern berichteten:
- „Fast jeder Kontakt mit unserem Sohn endet mit Vorwürfen. Für alles bekommen wir die Schuld, ständig kommen neue Geschichten aus der Kindheit, die nicht stimmen. Das tun wir uns nicht mehr an.“
- „Jahrzehntelang drehte sich alles um die Kinder. Jetzt sind wir im Ruhestand und wollen nachholen — keine Lust auf Geschrei. Nein, danke!“
- „Wir haben die junge Familie viel unterstützt. Doch unsere Hilfe wurde zur Selbstverständlichkeit, die Enkel immer öfter bei uns ‚geparkt‘. Wir fühlten uns ausgenutzt — die ‚Kinder‘ müssen auch auf eigenen Füßen stehen.“
Weiterlesen in dieser Serie
Wie man wieder zueinander findet — und was bleibt, wenn der Kontakt ganz abgebrochen ist:
📚 Buchempfehlung & Hilfsangebote

Wie ein lebendiges Miteinander von Enkelkindern, Eltern und Großeltern gelingt · Autorin: Sybille Herold
Die frühere Diplom-Psychologin Sybille Herold ist heute selbst Oma und kennt alle drei Seiten des Zusammenlebens. Ihr Buch fragt, welche Rolle Oma und Opa heute haben, wo Aufgaben liegen, wo Grenzen sind — und was möglich ist, wenn keine Kontakte gewünscht werden. Ein einfühlsamer Begleiter rund um die Großelternschaft.
Beratung & Selbsthilfe
Auch als Großeltern können Sie sich anonym, vertraulich und kostenlos an eine Erziehungs- und Familienberatungsstelle wenden: bke.de.
Für von Trennung und Scheidung betroffene Familien bietet die BIGE – Bundesinitiative Großeltern Beratung und regionale Gruppen: grosselterninitiative.de.
Weitere Literatur: Dorothee Döring, „Das war’s“ (Paulinus 2022) · Jörg Eikmann, „Eltern – das war’s“ (BoD 2012) · Claudia Haarmann, „Kontaktabbruch in Familien“ (Kösel 2019) · Sascha Schmidt, „Melde dich mal wieder!“ (Humboldt 2021) · Anna Pelz (Eltern-Kind-Entfremdung).
❓ Häufige Fragen
Warum brechen erwachsene Kinder den Kontakt zu Eltern und Großeltern ab?
Häufige Gründe sind als toxisch erlebte Beziehungsmuster, das Gefühl, nie gesehen oder fair behandelt worden zu sein, Druck durch gut gemeinte Ratschläge sowie ungelöste Kränkungen aus der Kindheit. Selten steht ein einzelner Grund dahinter, meist ein Geflecht aus vielen Erfahrungen.
Was können Großeltern tun, wenn die Schwiegertochter die Enkel entfremdet oder vorenthält?
Vorwürfe und Druck verschärfen die Lage meist. Hilfreicher ist, das Verhältnis zum eigenen Kind zu stärken, ruhig und verlässlich erreichbar zu bleiben und Konflikte nicht über die Enkel auszutragen. Bei Trennungsfamilien berät die BIGE – Bundesinitiative Großeltern.
Kann eine Scheidung der Eltern zum Kontaktabbruch zu den Enkeln führen?
Ja, sehr häufig. Verliert ein Elternteil nach der Trennung den Kontakt, geht meist auch dessen Zweig der Familie samt Großeltern verloren. Schätzungen zufolge betrifft das in Deutschland jährlich 30.000 bis 50.000 Kinder.
Warum lehnen manchmal die Großeltern den Kontakt ab?
Auch das kommt vor: wegen wiederkehrender Vorwürfe und Schuldzuweisungen, aus dem Wunsch nach unbeschwertem Ruhestand oder weil sie sich als Betreuung dauerhaft ausgenutzt fühlten. Großeltern dürfen Grenzen setzen — fair und ohne die Enkel als Druckmittel.
Wo finden Betroffene Hilfe?
Kostenlos und vertraulich beraten die Erziehungs- und Familienberatungsstellen (bke.de). Für Trennungsfamilien gibt es die BIGE – Bundesinitiative Großeltern mit regionalen Gruppen. Dazu helfen Selbsthilfegruppen, Fachbücher und Podcasts.
🌳 Mehr aus dem Familien-Universum
Gastbeitrag von Sybille Herold (Diplom-Psychologin) · Themenschwerpunkt: Familie · Zuletzt geprüft am 25.06.2026
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Reise ins Land der Großeltern
1.8 Unsere Buchempfehlung „Reise ins Land der Großeltern“
– Wie ein lebendiges Miteinander von Enkelkindern, Eltern und Großeltern gelingt
Autorin: Sybille Herold
Die frühere Diplom-Psychologin Sybille Herold ist heute selbst Oma und kennt drei Seiten des Zusammenlebens von Enkeln, Eltern und Großeltern.
Schon aus ihrer Zeit der Familienberatung bringt Sybille Herold die nötige Erfahrung mit und kann dementsprechend allen Beteiligten in dieser Dreierkonstellation ein wertvoller Ratgeber sein.
Es geht in dem Buch um die Frage, wie wir uns selbst an unsere Großeltern erinnern und welche Rolle Oma und Opa heute in der modernen Familie haben.
Wo gibt es feste Aufgaben, wo liegen Grenzen?
Und was ist möglich, wenn keine Kontakte gewünscht sind?
Auf einfühlsame Weise wird das Buch zum wertvollen Begleiter für alle wichtigen Fragen rund um die Großelternschaft.
1.9 Literaturhinweise und Quellennachweis
Döring, Dorothee – Das war’s: Wenn Erwachsene Kinder den Kontakt zu ihren Eltern abbrechen. Paulinus 2022
* Eikmann, Jörg – Eltern – das war’s. Warum Kinder plötzlich gehen. BoD 2012
Haarmann, Claudia – Kontaktabbruch in Familien: Wenn ein gemeinsames Leben nicht mehr möglich erscheint. Kösel 2019
**Herold, Sybille – Reise ins Land der Großeltern. Wie ein lebendiges Miteinander von Enkelkindern, Eltern und Großeltern gelingt. Amazon/Kindle 2023
*** Pelz, Anna https://www.anna-pelz.de/category/eltern-kind-entfremdung/
https://www.stadtlandmama.de/ -> Großeltern, die keine Lust auf die Enkel haben
Schmidt, Sascha – Melde dich mal wieder!: Wenn erwachsene Kinder ihre Eltern meiden. Woran es liegt – was Sie jetzt tun können. Humboldt 2021
Auch als Großeltern können Sie sich gern anonym, vertraulich und kostenlos an eine zuständige Erziehungs- und Familienberatungsstelle wenden -> https://www.bke.de/
Zusätzlich gibt es seit vielen Jahren die www.grosselterninitiative.de Website der BIGE = BUNDESINITIATIVE GROSSELTERN für von Trennung und Scheidung betroffener Kinder mit einem Beratungsangebot und zahlreichen regionalen Gruppen zu diesem Thema.
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Inhalt überprüft am 24. April 2026.
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