Großvater sitzt mit zwei Enkelkindern auf dem Sofa und liest aus einem Heft vor, daneben eine brennende Kerze, an der Wand ein Adventskalender aus Papiertüten

Großvater sitzt mit zwei Kindern auf dem Sofa und liest aus einem Heft vor, daneben eine brennende Kerze und ein Adventskalender an der Wand

Symbolbild, mit KI erstellt — keine reale Person. Eine Geschichte am Tag, zwei bis drei Minuten lang: mehr braucht ein Adventsabend nicht.

Was steht hier? Vierundzwanzig kurze Weihnachtsgeschichten zum Vorlesen — eine für jeden Tag im Advent. Jede dauert zwei bis drei Minuten. Alle sind hier vollständig zu lesen und zu hören, es gibt sie zusätzlich als Druckfassung zum Mitnehmen.

Jürgen Busch, Autor von grossvater.de – Schwarzweiß-Porträt mit gefalteten Händen

Beitrag von Jürgen Busch
AKTUALISIERT AM 15.08.2026 · 40 MIN. LESEZEIT · Kategorie: Familie
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Vierundzwanzig Abende, und an jedem soll etwas sein. Das ist die eigentliche Aufgabe im Advent, und sie ist schwerer, als sie klingt — besonders dann, wenn die Enkel nur an manchen Tagen da sind und man nicht jedes Mal etwas backen, basteln oder besorgen will.

Eine Geschichte ist die einfachste Lösung, die es dafür gibt. Sie kostet nichts, sie braucht keine Vorbereitung, und sie funktioniert am Küchentisch genauso wie am Telefon.

Diese vierundzwanzig habe ich selbst geschrieben. Sie handeln von Mattis, der sechs ist und alles selbst können will, von seiner Schwester Ida, die noch nicht schreiben kann und trotzdem meistens recht hat, von einem Opa, der samstags zu Fuß kommt, und von einer schwarzen Katze namens Kohle, die findet, dass die Menschen bei ihr wohnen. Jede Geschichte steht für sich — man muss die vorherigen nicht kennen. Wer aber alle vierundzwanzig hört, erkennt die Figuren wieder.

Die vierundzwanzig Türchen

Jede Zahl führt zu ihrer Geschichte. Wer mag, liest der Reihe nach — wer ein bestimmtes Thema sucht, springt.

Zum Mitnehmen

Alle vierundzwanzig Geschichten als Druckfassung

Ein Heft zum Ausdrucken, Falten und Verschenken — 27 Seiten A4, eine Geschichte pro Seite, groß genug gesetzt, dass man sie auch bei Kerzenlicht noch lesen kann. Wer die Blätter einzeln ausschneidet, hat außerdem den Inhalt für vierundzwanzig Adventskalendertüten.

↓ Druckfassung herunterladen (PDF)

Wer nicht selbst vorlesen mag oder gerade keine Stimme dafür hat, lässt vorlesen: Unter jeder Überschrift steht ein Abspieler. Vorgelesen wird von einer künstlichen Stimme — geschrieben habe ich die Geschichten selbst. Das sagt auch jede Aufnahme am Anfang, damit niemand raten muss.

Wie man vorliest, ohne es geübt zu haben: Langsamer, als es sich richtig anfühlt. Nach jedem Punkt einmal Luft holen. Und wenn wörtliche Rede kommt, den Kopf ein wenig zur Seite drehen — das macht die Stimme von allein anders, ganz ohne Schauspielerei.

1. Dezember · Das erste Türchen

Vorlesen lassen · künstliche Stimme

Am ersten Dezember wachte Mattis auf, bevor der Wecker klingelte. Das passierte ihm sonst nie. Er lag ganz still und horchte, ob im Haus schon jemand wach war. Draußen war es dunkel, und die Heizung machte ihr leises Knacken.

Dann fiel es ihm ein: Heute war das erste Türchen dran.

Er schlich in die Küche. Der Adventskalender hing an der Wand, vierundzwanzig kleine Tüten an einer Schnur, und an jeder Tüte steckte eine Wäscheklammer mit einer Zahl. Mattis stellte sich auf die Zehenspitzen und suchte die Eins.

Sie hing ganz links. Er zog daran.

„Nicht so schnell“, sagte eine Stimme hinter ihm.

Es war seine kleine Schwester Ida. Sie stand in der Tür, ihr Schlafanzug war verrutscht, und sie hielt den Stoffhasen am Ohr fest.

„Ich habe zuerst gezogen“, sagte Mattis.

„Aber ich bin auch wach.“

Die beiden sahen sich an. Und dann taten sie etwas, das sie sich nicht abgesprochen hatten: Sie zogen gemeinsam. Jeder hielt eine Ecke der Tüte, und beide zogen gleich fest, und die Tüte ging auf.

Drin war nichts.

Also, fast nichts. Ein Zettel war drin, mehr nicht. Mattis holte ihn heraus und drehte ihn um. Er konnte schon ganz gut lesen, aber die Schrift war krakelig.

„Was steht da?“, fragte Ida.

„Da steht: Heute ist der erste Tag. Es sind noch dreiundzwanzig.“

Ida machte ein Gesicht, als hätte sie in eine Zitrone gebissen. „Das ist kein Geschenk. Das ist eine Zahl.“

Da musste Mattis lachen, obwohl er eigentlich auch enttäuscht war.

Am Frühstückstisch legte er den Zettel neben seinen Teller. Der Vater goss Kaffee ein und schaute auf das Papier.

„Ach“, sagte er. „Den habe ich gestern Abend geschrieben.“

„Warum ist da nichts drin?“, fragte Ida.

Der Vater setzte sich. Er überlegte einen Moment, so wie er das manchmal tut, wenn eine Frage besser ist, als sie klingt.

„Weil das Warten dazugehört“, sagte er dann. „Wenn heute schon alles da wäre, hätten wir morgen nichts mehr.“

Ida war damit nicht ganz einverstanden. Aber sie faltete den Zettel und steckte ihn in die Hosentasche, und den ganzen Tag über zog sie ihn wieder heraus und schaute ihn an.

Am Abend, als es schon lange dunkel war, hörte Mattis sie in ihrem Zimmer reden. Sie sprach mit ihrem Hasen.

„Es sind noch dreiundzwanzig“, sagte sie. „Das ist ganz schön viel.“

Und dann, nach einer Pause, sagte sie noch etwas.

„Aber es ist auch schön, dass es noch so viele sind.“

2. Dezember · Die Kerze, die nicht brennen wollte

Vorlesen lassen · künstliche Stimme

Der zweite Dezember war ein Samstag, und samstags kam Opa. Er kam immer zu Fuß, auch wenn es regnete, und er brachte immer irgendetwas mit, was man nicht kaufen konnte.

Diesmal hatte er einen Adventskranz dabei. Er hatte ihn selbst gebunden, das sah man. Die Zweige standen an einer Stelle etwas ab, und ein Tannenzapfen saß schief.

„Der ist schief“, sagte Ida.

„Ja“, sagte Opa. „Der ist schief.“

Er stellte ihn auf den Tisch, holte ein Streichholz und zündete die erste Kerze an. Die Flamme wurde klein, wackelte und ging aus.

Er zündete sie noch einmal an. Wieder ging sie aus.

„Die ist kaputt“, sagte Mattis.

„Kerzen sind nicht kaputt“, sagte Opa. „Kerzen haben Gründe.“

Er nahm die Kerze aus dem Kranz und hielt sie ins Licht. Der Docht war ganz kurz, und um ihn herum stand das Wachs wie eine kleine Mauer.

„Siehst du das? Die Flamme steht in einem Loch. Da kommt keine Luft hin. Und ohne Luft brennt nichts.“

„Was macht man da?“

„Man baut die Mauer ab.“

Opa holte sein Taschenmesser, klappte die kleine Klinge auf und schnitzte vorsichtig den Wachsrand weg, rundherum, bis der Docht frei stand. Er machte das langsam. Ida schaute ihm dabei so nah zu, dass ihre Nasenspitze fast das Wachs berührte.

Dann zündete er noch einmal an.

Die Flamme wurde erst klein, dann größer, und dann stand sie ruhig da und brannte.

„Oh“, sagte Ida.

Sie saßen eine Weile still um den Tisch. Draußen war es grau, und im Fenster spiegelte sich die eine Kerze doppelt, einmal echt und einmal in der Scheibe.

„Opa“, sagte Mattis. „Warum hast du sie nicht einfach weggeworfen und eine neue genommen?“

Opa dachte nach.

„Weil das keine Arbeit gewesen wäre“, sagte er. „Und weil sie ja nichts falsch gemacht hat. Sie hatte nur zu wenig Luft.“

Er klappte das Messer zu und steckte es weg.

„Bei Menschen ist das übrigens ähnlich“, sagte er noch. Aber das sagte er mehr zu sich selbst, und Mattis verstand es an diesem Tag noch nicht.

Später, als Opa schon gegangen war, stand Ida noch einmal auf und ging in die Küche. Sie stellte sich vor den Kranz und schaute die Kerze an, die jetzt schon ein Stück heruntergebrannt war.

„Du hattest zu wenig Luft“, sagte sie zu ihr. „Jetzt hast du genug.“

3. Dezember · Der Handschuh im Schnee

Vorlesen lassen · künstliche Stimme

In der Nacht zum dritten Dezember hatte es geschneit. Nicht viel, aber genug, dass man Spuren sehen konnte.

Mattis war der Erste draußen. Er lief los, ohne einen bestimmten Weg, nur damit hinter ihm Fußabdrücke waren. An der Ecke bei der alten Linde blieb er stehen.

Da lag etwas im Schnee. Etwas Rotes.

Es war ein Handschuh. Ein Kinderhandschuh, ziemlich klein, mit einem gestrickten Rand und einem weißen Streifen. Er war nass und kalt.

Mattis hob ihn auf. Und dann stand er da und wusste nicht, was man mit einem gefundenen Handschuh macht.

Er hätte ihn liegen lassen können. Er hätte ihn mitnehmen können. Er hätte ihn auf den Zaunpfahl stecken können, so wie man das manchmal sieht.

Er nahm ihn mit nach Hause.

„Der gehört jemandem“, sagte er zu seiner Mutter.

„Vermutlich.“

„Aber ich weiß nicht, wem.“

Seine Mutter trocknete sich die Hände ab und schaute sich den Handschuh an. Sie drehte ihn um. Innen, am Bündchen, war ein kleines Schild eingenäht, und darauf stand mit Filzstift ein Name: L E N I.

„Leni“, las Mattis.

„Kennst du eine Leni?“

Er kannte keine.

Am Nachmittag gingen sie zusammen los. Sie klingelten nicht überall, das wäre albern gewesen. Sie gingen nur den Weg ab, den Mattis am Morgen gelaufen war, und schauten, wo Kinderstiefel standen.

Bei dem gelben Haus mit dem schiefen Briefkasten standen zwei kleine Stiefel vor der Tür.

Die Frau, die aufmachte, war jung und hatte Mehl an der Wange. Hinter ihr im Flur stand ein Mädchen, vielleicht vier Jahre alt, und hielt einen einzelnen roten Handschuh in der Hand. Den linken.

Mattis hielt den rechten hoch.

Das Mädchen sagte nichts. Es kam einfach angerannt, nahm den Handschuh, zog ihn an und hielt beide Hände hoch, damit man sie sehen konnte.

Auf dem Rückweg war Mattis merkwürdig still.

„Was ist?“, fragte seine Mutter.

„Nichts“, sagte er. Und dann, nach ein paar Schritten: „Ich hätte ihn auch einfach liegen lassen können.“

„Ja.“

„Dann hätte sie ihn nie wiedergekriegt.“

„Ja.“

Sie gingen weiter. Der Schnee knirschte, und aus einem Schornstein kam Rauch.

„Ich glaube“, sagte Mattis, „ich schaue ab jetzt immer, ob irgendwo was liegt.“

4. Dezember · Kohle und der Tannenzweig

Vorlesen lassen · künstliche Stimme

Kohle ist eine Katze. Sie ist schwarz, bis auf eine weiße Stelle unter dem Kinn, die aussieht wie ein Fleck Milch, und sie wohnt bei Mattis und Ida im Haus, obwohl sie das anders sieht. Kohle findet, dass die Menschen bei ihr wohnen.

Am vierten Dezember stellte die Mutter einen Krug auf die Fensterbank und steckte drei Tannenzweige hinein. Mehr nicht. Ein bisschen Grün, damit es nach draußen aussieht wie drinnen.

Kohle betrachtete das lange.

Sie saß auf dem Stuhl davor und schaute hinauf. Dann legte sie den Kopf schief. Dann schaute sie wieder.

„Sie überlegt“, sagte Ida.

„Katzen überlegen nicht“, sagte Mattis. „Katzen machen einfach.“

Da hatte er recht, aber erst später.

Zuerst passierte nämlich zwei Stunden lang gar nichts. Kohle schlief auf der Heizung. Sie fraß. Sie schlief wieder. Sie sah aus wie eine Katze, die von Tannenzweigen noch nie gehört hat.

Und dann, am Nachmittag, als alle im Wohnzimmer saßen, hörten sie aus der Küche ein Geräusch. Erst ein Rascheln. Dann ein Scheppern. Dann Stille.

Sie fanden den Krug auf der Seite liegend, das Wasser floss in einer dünnen Bahn über die Fensterbank, und zwei Tannenzweige lagen auf dem Boden.

Der dritte war weg.

„Wo ist der dritte?“, fragte Ida.

Sie suchten. Unter dem Tisch war er nicht. Hinter der Tür auch nicht.

Sie fanden ihn im Flur, unter der Garderobe, an der Stelle, wo Kohle ihre Sachen hinbringt. Da lagen schon ein Haargummi, ein Flaschendeckel und eine Socke, von der niemand wusste, wem sie gehörte.

Und jetzt eben ein Tannenzweig.

Kohle saß daneben und putzte sich, als ginge sie das alles nichts an.

Ida ging in die Hocke.

„Das ist unser Zweig“, sagte sie.

Kohle putzte weiter.

„Aber du kannst ihn behalten“, sagte Ida.

Am Abend wischte der Vater das Wasser weg und stellte den Krug wieder hin, diesmal weiter hinten, außerhalb der Reichweite einer Katze. Zwei Zweige standen drin.

Der dritte blieb, wo er war.

Und wenn man von da an im Flur an der Garderobe vorbeiging und nach unten schaute, dann lag da ein Stück Weihnachten, das einer Katze gehörte.

5. Dezember · Der Brief

Vorlesen lassen · künstliche Stimme

Am fünften Dezember sagte die Mutter beim Frühstück: „Wenn ihr einen Wunschzettel schreiben wollt, dann jetzt. Sonst wird das nichts mehr.“

Mattis war sofort dabei. Er holte Papier und einen Stift und setzte sich an den Tisch, und nach drei Minuten war die Vorderseite voll.

Ein Fahrrad. Ein Fernglas. Ein Fußball, aber ein richtiger. Eine Taschenlampe, die man aufladen kann. Ein Buch über Vulkane. Handschuhe, weil einer weg war, aber der war ja wieder da, also doch keine Handschuhe. Ein Schlitten.

Er las es noch einmal durch und war zufrieden.

Ida saß daneben und malte. Sie kann noch nicht schreiben, aber sie hatte ein Blatt und einen roten Stift, und sie arbeitete sehr ernsthaft.

„Was malst du?“, fragte Mattis.

„Meinen Brief.“

Er beugte sich hinüber. Auf dem Blatt war ein Kreis. Aus dem Kreis kamen vier Striche. Neben dem Kreis war noch ein Kreis, kleiner, und daneben noch zwei.

„Was ist das?“

„Das sind wir.“

„Und was wünschst du dir?“

Ida schaute ihn an, als hätte er etwas Dummes gefragt.

„Das da“, sagte sie und tippte mit dem Finger auf die Kreise.

Mattis verstand es nicht sofort. Er schaute noch einmal hin. Vier Kreise. Ein großer, ein etwas kleinerer, ein kleiner und ein ganz kleiner mit spitzen Ohren.

„Du wünschst dir uns? Uns hast du doch schon.“

„Ja“, sagte Ida. „Und ich will uns behalten.“

Dann malte sie weiter.

Am Abend legten sie die beiden Blätter zusammen aufs Fensterbrett, so wie man das macht. Mattis‘ Liste war lang und ordentlich, mit Punkten davor. Idas Blatt war rot und krumm.

Der Vater kam später noch einmal ins Zimmer, um das Fenster zu schließen. Er nahm die Blätter in die Hand und las sie, und Mattis, der noch nicht schlief, sah, dass er bei dem roten Blatt stehen blieb und es länger anschaute als das andere.

„Papa?“

„Hm.“

„Kriegt sie das denn? Was sie sich wünscht?“

Der Vater legte die Blätter zurück.

„Das hat sie schon“, sagte er. „Sie wollte nur, dass es jemand aufschreibt.“

6. Dezember · Nikolaus hat kalte Füße

Vorlesen lassen · künstliche Stimme

Am Abend des fünften Dezember stellte Mattis seine Stiefel vor die Tür. Er putzte sie vorher, ohne dass jemand ihn dazu auffordern musste, und das kam nicht oft vor.

Ida stellte ihre daneben. Sie stellte auch noch ihren Gummistiefel dazu, obwohl der zum anderen Paar gehörte, denn sie fand: mehr Stiefel, mehr Platz.

Dann gingen sie ins Bett.

Mitten in der Nacht wachte Mattis auf. Er hörte etwas. Es war kein lautes Geräusch, eher ein Schaben, als würde jemand die Füße abstreifen.

Er stand auf und ging zum Fenster.

Draußen war Frost. Der Weg glitzerte, und die Luft sah aus, als könnte man sie zerbrechen. Und unten an der Haustür stand jemand.

Es war ein Mann in einem dicken Mantel. Er hatte eine Mütze auf und trug etwas unter dem Arm. Und er machte etwas, das Mattis überraschte: Er stampfte auf der Stelle. Erst mit dem einen Fuß, dann mit dem anderen. So, wie man das macht, wenn einem kalt ist.

Dann bückte er sich, legte etwas in die Stiefel, richtete sich wieder auf und ging weiter.

Am Morgen lagen in Mattis‘ Stiefeln eine Mandarine, ein paar Nüsse und ein Schokoladenstück in Goldpapier. In Idas Stiefeln lag dasselbe. Im dritten Gummistiefel lag nur eine einzelne Nuss.

„Warum ist da so wenig drin?“, fragte Ida.

„Weil das gar nicht dein Stiefel ist“, sagte Mattis. „Das ist der falsche Fuß.“

Ida nahm die Nuss trotzdem und war zufrieden.

Beim Frühstück erzählte Mattis, was er in der Nacht gesehen hatte. Dass da jemand war. Dass er gestampft hatte.

„Er hatte kalte Füße“, sagte Mattis.

Die Mutter rührte in ihrem Kaffee.

„Das kann sein“, sagte sie. „Draußen war es minus vier Grad.“

„Und er ist trotzdem gekommen.“

„Ja.“

Mattis dachte darüber nach, während er seine Mandarine schälte. Er dachte an den Mann, der in der Kälte gestanden und mit den Füßen gestampft hatte, und er fand, dass das eigentlich das Bemerkenswerteste an der ganzen Sache war. Nicht die Mandarine. Nicht die Schokolade.

Dass jemand rausgeht, wenn es kalt ist. Für jemand anderen.

„Nächstes Jahr“, sagte er, „stelle ich ihm was hin.“

„Was denn?“

„Warme Socken.“

7. Dezember · Die Nuss, die nicht aufgehen wollte

Vorlesen lassen · künstliche Stimme

Von den Nüssen aus dem Stiefel waren noch drei übrig. Mattis hatte sie in eine Schale gelegt und sich vorgenommen, sie aufzuheben. Aber am siebten Dezember hielt er es nicht mehr aus.

Er nahm die erste Nuss und drückte sie mit der Hand. Nichts passierte.

Er nahm zwei Nüsse und drückte sie gegeneinander, so wie er es einmal gesehen hatte. Es machte ein Geräusch, aber keine ging auf.

Er legte eine auf den Boden und stellte sich mit der Ferse darauf. Sie rollte weg.

Er holte einen Löffel und schlug zu. Der Löffel verbog sich.

„Was machst du da?“, fragte Opa, der gerade zur Tür hereinkam.

„Die geht nicht auf.“

Opa zog seine Jacke aus, setzte sich an den Tisch und nahm die Nuss in die Hand. Er drehte sie herum, hielt sie ans Licht und fuhr mit dem Daumennagel über eine Kante.

„Weißt du, was das hier ist?“, fragte er.

„Eine Naht?“

„Genau. Da sind die zwei Hälften zusammengewachsen. Und da, wo etwas zusammengewachsen ist, geht es auch wieder auseinander.“

Er stand auf, ging in den Flur und kam mit einem Nussknacker zurück. Nicht einem von diesen bemalten Männern mit Bart, sondern so einem schlichten aus Metall, wie man ihn in jeder Küchenschublade findet.

„Du musst sie richtig hineinlegen“, sagte er. „Nicht quer. Sonst drückst du sie platt, und dann hast du Krümel statt Nuss.“

Er legte die Nuss so hinein, dass die Naht nach oben zeigte. Dann drückte er zu. Nicht ruckartig, sondern langsam, mit steigendem Druck.

Es machte knack.

Die Schale sprang auf, in zwei sauberen Hälften, und drinnen lag der Kern, ganz und unversehrt.

„Oh“, sagte Mattis.

„Jetzt du.“

Mattis nahm die zweite Nuss. Er suchte die Naht. Er legte sie hinein, so wie Opa es gezeigt hatte. Er drückte.

Die Nuss zerbröselte.

„Zu schnell“, sagte Opa. „Nicht zu fest, sondern zu schnell.“

Die dritte Nuss war die letzte. Mattis legte sie ein und drückte ganz langsam. Er spürte, wie der Widerstand größer wurde. Er hielt inne. Er drückte weiter.

Knack.

Zwei Hälften. Ein ganzer Kern.

Mattis holte ihn heraus und hielt ihn hoch, als hätte er etwas ausgegraben.

„Willst du ihn essen?“, fragte Opa.

Mattis überlegte. Dann brach er ihn in der Mitte durch und gab Opa die eine Hälfte.

Sie kauten beide. Draußen wurde es schon wieder dunkel, obwohl es erst vier Uhr war.

„Weißt du“, sagte Opa, „das mit dem langsam Drücken funktioniert bei ziemlich vielen Sachen.“

8. Dezember · Ein Stern aus Papier

Vorlesen lassen · künstliche Stimme

Am achten Dezember brachte Ida einen Stern aus dem Kindergarten mit. Sie hatte ihn selbst gefaltet, das sah man sofort, und sie trug ihn den ganzen Heimweg vor sich her wie etwas sehr Zerbrechliches.

Zu Hause legte sie ihn auf den Küchentisch.

Der Stern hatte acht Zacken. Sieben davon waren ungefähr gleich lang. Die achte war deutlich kürzer und stand ein bisschen ab, weil das Papier dort geknickt und wieder geradegebogen worden war.

Mattis kam und schaute darauf.

„Der ist schief“, sagte er.

Ida sagte nichts. Aber ihr Mund wurde schmal.

„Ich meine ja nur“, sagte Mattis. „Die eine Zacke ist kürzer.“

„Ich weiß.“

„Man könnte sie abschneiden. Dann sind sie alle gleich.“

„Nein.“

Sie nahm den Stern und trug ihn ins Wohnzimmer und legte ihn dort auf die Fensterbank, weit weg von ihrem Bruder.

Am Abend kam der Vater von der Arbeit. Er zog die Schuhe aus, ging durchs Wohnzimmer und blieb am Fenster stehen.

„Wer hat den gemacht?“

„Ich“, sagte Ida von der Tür aus, vorsichtig.

Der Vater nahm ihn hoch und hielt ihn gegen die Lampe. Das Papier leuchtete durch, und man konnte die Faltlinien sehen, wie kleine Adern.

„Wie hast du das gemacht?“

Und Ida erzählte es. Wie man das Quadrat erst einmal in der Mitte faltet und dann noch einmal, wie man es aufklappt und die Ecken hereinschlägt, und wie ihr bei der siebten Zacke das Papier gerissen war, ein winziges Stück nur, und wie sie es dann kürzer gemacht hatte, damit man den Riss nicht sieht.

Der Vater hörte zu, bis sie fertig war.

„Also ist die kurze Zacke die Stelle, an der etwas schiefgegangen ist“, sagte er.

„Ja.“

„Und du hast es repariert.“

Ida nickte.

Der Vater hängte den Stern ans Fenster, an einen Faden, und drehte ihn so, dass die kurze Zacke nach vorne zeigte.

„Warum so herum?“, fragte Mattis, der in der Tür stand und alles mit angehört hatte.

„Weil das die einzige Zacke ist, bei der man etwas lernen kann“, sagte der Vater.

Später, als beide Kinder schon im Bett lagen, ging Mattis noch einmal ins Wohnzimmer und schaute sich den Stern an. Er drehte ihn nicht um. Er ließ ihn genau so hängen.

9. Dezember · Der Schneemann ohne Nase

Vorlesen lassen · künstliche Stimme

Am neunten Dezember lag genug Schnee. Nicht der pulvrige, mit dem man nichts anfangen kann, sondern der schwere, klebrige, aus dem etwas wird.

Mattis und Ida gingen raus, sobald sie durften.

Sie rollten die erste Kugel. Sie wurde größer und größer, und irgendwann konnten sie sie nicht mehr schieben, also war sie fertig. Die zweite Kugel schafften sie noch zu zweit auf die erste. Für die dritte holten sie einen Stuhl aus dem Schuppen.

Da stand er also.

Er hatte einen Bauch und einen Kopf und keine Arme, aber Arme sind bei einem Schneemann sowieso Verhandlungssache.

„Jetzt das Gesicht“, sagte Mattis.

Sie holten Steine für die Augen. Das ging gut. Sie holten kleine Steine für den Mund und legten sie in einer Reihe, ein bisschen nach oben gebogen, damit er freundlich aussieht.

Dann fehlte die Nase.

„Wir brauchen eine Möhre“, sagte Ida und lief ins Haus.

Sie kam ohne Möhre zurück.

„Keine da?“

„Keine da.“

Sie standen vor ihrem Schneemann, der zwei Augen und einen Mund hatte und in der Mitte des Gesichts nichts.

„Ohne Nase geht nicht“, sagte Ida.

„Warum nicht?“

„Weil das so ist.“

Mattis schaute sich um. Am Zaun lag ein Stück Rinde. An der Hecke hingen ein paar rote Beeren. Neben der Regentonne lag ein Tannenzapfen.

Er nahm den Tannenzapfen und drückte ihn dahin, wo die Nase hingehört.

Ida legte den Kopf schief.

„Das ist keine Möhre.“

„Nein.“

„Aber es ist eine Nase.“

Sie traten beide zwei Schritte zurück und schauten. Der Tannenzapfen stand ein bisschen schief und war viel zu groß, und dadurch sah der Schneemann aus wie jemand, der gerade etwas riecht, das ihm gefällt.

Ida fing an zu lachen und konnte nicht mehr aufhören.

Am Abend kam die Nachbarin vorbei und brachte tatsächlich eine Möhre.

„Ich habe gesehen, dass euch was fehlt“, sagte sie.

Mattis nahm die Möhre und bedankte sich.

Und dann legte er sie in den Schnee, vor die Füße des Schneemanns.

„Wieso hängst du sie nicht dran?“, fragte die Nachbarin.

„Weil er schon eine Nase hat“, sagte Mattis. „Die kann er essen.“

10. Dezember · Das Lied, das keiner konnte

Vorlesen lassen · künstliche Stimme

Am zehnten Dezember kam Besuch. Die Tante, der Onkel, zwei Cousins und Oma. Es wurde eng in der Wohnung, und es roch nach Kaffee und nassen Jacken.

Irgendwann am Nachmittag sagte Oma den Satz, vor dem sich alle ein bisschen fürchten.

„Wollen wir nicht mal ein Lied singen?“

Es wurde still.

„Ich kann nicht singen“, sagte der Onkel.

„Das kann keiner“, sagte Oma. „Darum geht es ja nicht.“

Sie fing an. Ein bekanntes Lied, eines von denen, die alle schon einmal gehört haben. Die erste Zeile ging noch. Bei der zweiten sangen schon vier Leute mit, und alle vier sangen etwas anderes.

Bei der dritten Zeile hörten sie nacheinander auf.

„Wie geht das weiter?“, fragte die Tante.

Niemand wusste es.

Der Vater holte sein Telefon heraus, um nachzuschauen. Oma legte ihm die Hand auf den Arm.

„Nicht.“

„Aber dann kriegen wir es doch nie hin.“

„Es muss nicht hinkommen.“

Sie sang die erste Zeile noch einmal. Dann die zweite. Und als sie an die Stelle kam, wo niemand mehr weiterwusste, sang sie einfach die erste Zeile noch einmal.

Die Cousins fingen an zu kichern.

Beim dritten Mal sangen alle mit. Immer dieselben zwei Zeilen, immer im Kreis, und weil man nur zwei Zeilen kann, wurden sie mit jedem Mal lauter und sicherer.

Ida sang am lautesten. Sie kannte den Text überhaupt nicht, aber sie sang mit, so ungefähr, und traf ungefähr jeden dritten Ton.

Sie sangen es siebenmal.

Dann war Schluss, und alle lachten, und der Onkel sagte, so schlimm sei es ja nun doch nicht gewesen.

Später, als der Besuch weg war und Mattis beim Zähneputzen stand, hörte er von unten die Mutter in der Küche. Sie räumte Tassen ein.

Und dabei summte sie. Dieselben zwei Zeilen.

Er stellte das Wasser ab und hörte zu.

Und dann merkte er, dass er sie auch summte. Sie waren irgendwie in seinem Kopf hängengeblieben, obwohl es nur zwei waren, oder vielleicht gerade deshalb.

11. Dezember · Zwölf Sterne und ein Blech

Vorlesen lassen · künstliche Stimme

Am elften Dezember wurde gebacken. Nicht viel, nur eine Portion Mürbeteig, aber das reichte für das, was dann passierte.

Die Mutter machte den Teig und legte ihn eine Stunde in den Kühlschrank. Danach durften die Kinder ran.

Mattis rollte aus. Er drückte fest, weil er dachte, das ginge schneller, und der Teig wurde an einer Stelle so dünn, dass er riss.

„Nicht drücken“, sagte die Mutter. „Rollen. Von der Mitte nach außen.“

Er versuchte es noch einmal. Diesmal ging es besser.

Ida stach aus. Sie hatte eine Sternform gefunden und wollte nur diese eine benutzen, obwohl noch fünf andere in der Dose lagen.

„Willst du nicht auch einen Mond?“

„Nein.“

„Einen Tannenbaum?“

„Nein. Sterne.“

Also Sterne.

Sie stach sie ganz dicht nebeneinander aus, so dicht, dass die Zacken sich fast berührten, weil sie gehört hatte, dass man den Teig nicht verschwenden soll. Nach einer Weile lagen zwölf Sterne auf dem Blech.

Der dreizehnte ging schief. Sie hatte die Form nicht ganz durchgedrückt, und als sie ihn abheben wollte, blieb eine Zacke liegen.

Ida schaute den einzackenlosen Stern an.

Dann aß sie ihn. Roh.

„Ida!“

„Er war kaputt.“

Die zwölf ganzen kamen in den Ofen. Und dann passierte, was in jeder Küche passiert, in der Kinder backen: Sie standen zu dritt vor der Ofentür und schauten hinein, obwohl es zwölf Minuten dauern würde.

„Wird das jetzt gleich?“

„Nein.“

„Und jetzt?“

„Nein.“

Nach vier Minuten setzte sich Ida auf den Boden vor den Ofen und wartete dort weiter.

Als die Sterne fertig waren, waren es immer noch zwölf, aber sie sahen anders aus als vorher. Größer. Und sie waren an den Rändern zusammengewachsen, weil sie zu dicht gelegen hatten.

„Die kleben aneinander“, sagte Mattis.

Die Mutter nahm das Blech und drehte es hin und her.

„Das ist kein Sternenblech mehr“, sagte sie. „Das ist ein Sternenhimmel.“

Sie brach ihn in Stücke, aber nicht ordentlich, sondern so, wie er brechen wollte. Manche Stücke hatten zwei Sterne, manche drei.

Und alle schmeckten gleich gut.

12. Dezember · Die Lichterkette mit dem Knick

Vorlesen lassen · künstliche Stimme

Am zwölften Dezember sollte die Lichterkette ans Fenster. Sie lag seit einem Jahr in einer Kiste auf dem Dachboden, zusammen mit Kugeln, Kerzenhaltern und einem Strohstern, der schon zweimal repariert worden war.

Der Vater holte die Kiste herunter. Er steckte die Kette ein.

Nichts.

Er steckte sie in eine andere Steckdose. Wieder nichts.

„Kaputt“, sagte er. „Ich kaufe morgen eine neue.“

„Warte“, sagte Mattis.

Denn Mattis hatte in den letzten Wochen etwas gelernt, und zwar von Opa: dass Dinge selten kaputt sind, sondern meistens einen Grund haben.

Er nahm die Kette und legte sie auf dem Tisch aus. Er ging sie ab, Lämpchen für Lämpchen. Vierzig Stück. An einer Stelle, ungefähr in der Mitte, war das Kabel geknickt. Nicht durchgerissen, nur eingedrückt, so wie es aussieht, wenn etwas Schweres darauf gestanden hat.

„Hier“, sagte er.

Der Vater schaute sich die Stelle an. Er bog das Kabel vorsichtig gerade. Er wackelte daran.

Und plötzlich leuchtete die halbe Kette auf. Nur einen Moment lang. Dann war sie wieder aus.

„Da ist es“, sagte er.

Am Samstag kam Opa, und Opa brachte einen Lötkolben mit.

„Darf ich zusehen?“, fragte Mattis.

„Du darfst nicht nur zusehen. Du darfst halten.“

Opa schnitt die geknickte Stelle heraus. Er schälte die Kabelenden ab, ganz vorsichtig, damit die dünnen Drähte drinnen nicht abreißen. Er drehte sie zusammen. Dann lötete er.

Es zischte kurz und roch nach heißem Metall.

„Nicht anfassen“, sagte Opa. „Der ist vierhundert Grad heiß.“

Mattis fasste nicht an. Er hielt nur das Kabel fest, so ruhig er konnte, und merkte, dass Stillhalten schwerer ist, als es aussieht.

Als sie fertig waren, isolierte Opa die Stelle mit einem Schrumpfschlauch und hielt kurz das Feuerzeug darunter, bis er sich eng anlegte.

Dann steckten sie ein.

Vierzig Lämpchen. Alle an.

„Sie ist nicht mehr wie neu“, sagte Opa. „An der Stelle ist jetzt eine Verdickung. Die sieht man.“

„Ist das schlimm?“

„Frag mich das in zwanzig Jahren noch mal, wenn sie immer noch brennt.“

Sie hängten die Kette ans Fenster. Und wenn Mattis am Abend von der Straße nach oben schaute, wusste er genau, wo die Stelle war.

13. Dezember · Ein Päckchen für Frau Bruns

Vorlesen lassen · künstliche Stimme

Frau Bruns wohnt im Haus gegenüber, im Erdgeschoss, hinter dem Fenster mit den weißen Gardinen. Sie ist alt. Wie alt genau, weiß niemand, aber sie geht langsam und hält sich am Geländer fest.

Am dreizehnten Dezember sagte die Mutter beim Mittagessen: „Bei Frau Bruns brennt seit drei Tagen abends kein Licht mehr.“

„Ist sie weg?“, fragte Mattis.

„Ihr Auto steht da.“

Nach dem Essen packte die Mutter etwas in eine Dose. Ein paar von den zusammengewachsenen Sternen. Nicht viele, aber genug.

„Bringst du das rüber?“

Mattis wollte nicht.

Er wusste selbst nicht genau, warum. Es war nur so, dass er nicht wusste, was man sagt, wenn man bei einer alten Frau klingelt, die man kaum kennt, und ihr eine Dose gibt.

„Was soll ich denn sagen?“

„Guten Tag.“

„Und dann?“

„Das findet sich.“

Er ging also. Über die Straße, den kurzen Weg zur Haustür, und dann stand er da und schaute auf den Klingelknopf, an dem ein handgeschriebenes Schild klebte: B R U N S.

Er klingelte.

Es dauerte lange. So lange, dass er schon dachte, es sei niemand da, und er könnte einfach wieder gehen und sagen, sie sei nicht zu Hause gewesen. Er dachte das wirklich, und er schämte sich ein bisschen dafür.

Dann ging die Tür auf.

Frau Bruns war kleiner, als er sie in Erinnerung hatte. Sie trug eine Strickjacke und hatte die Brille in der Hand.

„Ja bitte?“

„Guten Tag“, sagte Mattis. Und dann kam nichts mehr.

Er hielt ihr die Dose hin.

Frau Bruns schaute die Dose an. Dann ihn. Dann nahm sie sie und machte sie auf.

„Habt ihr gebacken?“

„Meine Schwester hat ausgestochen. Alle Sterne. Sie wollte nichts anderes.“

Und plötzlich war das Reden nicht mehr schwer. Er erzählte von dem Blech und davon, dass alles zusammengewachsen war, und dass seine Mutter gesagt hatte, das sei jetzt ein Sternenhimmel.

Frau Bruns hörte zu und lachte an einer Stelle.

„Willst du reinkommen? Ich habe Saft.“

Er blieb eine halbe Stunde.

Sie erzählte ihm, dass ihr Fernseher kaputt sei und sie deshalb abends früher ins Bett gehe. Darum das dunkle Fenster. Nichts weiter.

Als er nach Hause kam, fragte die Mutter, wie es gewesen sei.

„Ihr Fernseher ist kaputt“, sagte Mattis. „Sonst nichts.“

Dann zog er die Jacke aus und blieb noch einen Moment im Flur stehen.

„Kann Papa den vielleicht reparieren?“

14. Dezember · Der Igel, der zu spät dran war

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Am vierzehnten Dezember fand Ida im Garten einen Igel.

Er lag unter der Hecke, halb im Laub, und er war eingerollt, aber nicht ganz. Man konnte seine Nase sehen, und die bewegte sich.

Ida rief nicht. Sie ging ins Haus und holte ihre Mutter, und das war genau richtig.

„Nicht anfassen“, sagte die Mutter. „Der hat Flöhe, und außerdem hat er Stacheln.“

„Ist er tot?“

„Nein. Aber er müsste längst schlafen.“

Sie riefen bei einer Frau an, deren Nummer am Schwarzen Brett im Supermarkt hing. Die Frau kam eine Stunde später mit einem Karton und Handschuhen und einer kleinen Waage.

Sie hob den Igel vorsichtig hoch und wog ihn.

„Dreihundertzwanzig Gramm“, sagte sie. „Zu wenig.“

„Wie viel bräuchte er?“

„Sechshundert. Mindestens.“

Ida verstand das nicht sofort. Sie fragte, ob er dann nicht einfach mehr essen könne.

„Genau das ist der Punkt“, sagte die Frau. „Draußen findet er jetzt nichts mehr. Deshalb hat er sich nicht hingelegt. Er sucht noch. Er weiß, dass er nicht genug hat.“

Sie nahm ihn mit.

Am Abend saß Ida still am Tisch und stocherte in ihrem Essen, was sonst nicht ihre Art ist.

„Was ist?“, fragte der Vater.

„Er hat gewusst, dass er zu wenig hat“, sagte sie. „Und dann hat er nicht aufgehört zu suchen.“

„Ja.“

„Und wenn wir ihn nicht gefunden hätten?“

Der Vater legte die Gabel hin.

„Dann wäre es schlecht ausgegangen“, sagte er. „Aber wir haben ihn gefunden.“

„Weil ich unter die Hecke geschaut habe.“

„Weil du unter die Hecke geschaut hast.“

Drei Wochen später, es war schon Januar, kam eine Karte mit der Post. Darauf war ein Foto von einem Igel in einem Karton mit Zeitungspapier, und auf der Rückseite stand in großer Schrift: fünfhundertachtzig Gramm.

Ida hängte die Karte über ihr Bett.

Sie hängt da heute noch.

15. Dezember · Der kürzeste Tag

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Am fünfzehnten Dezember, so kurz vor vier Uhr nachmittags, sagte Mattis einen Satz, den Kinder in dieser Jahreszeit oft sagen.

„Es ist schon wieder dunkel.“

Opa saß am Tisch und trank Tee.

„Ja“, sagte er. „Und es wird noch schlimmer.“

„Wie, schlimmer?“

„Es wird jeden Tag noch ein bisschen früher dunkel. Bis zum einundzwanzigsten. Das ist der kürzeste Tag im ganzen Jahr.“

Mattis fand das ungerecht.

„Und dann?“

„Und dann geht es wieder aufwärts.“

Opa stellte die Tasse ab und nahm eine Orange aus der Schale. Er hielt sie hoch.

„Das ist die Sonne. Stell dich hin und sei die Erde.“

Mattis stand auf.

„Du drehst dich. Immer weiter, einmal am Tag.“

Mattis drehte sich. Nach dreimal wurde ihm schwindelig.

„Und jetzt lauf um mich herum, während du dich drehst. Das dauert ein Jahr.“

Er lief. Es sah albern aus, und Ida lachte.

„Und jetzt das Wichtigste“, sagte Opa. „Du stehst schief. Nicht gerade. Ein bisschen zur Seite geneigt. So.“

Er stellte sich hin und legte den Kopf schräg.

„Und weil du schief stehst, zeigt mal die eine Seite mehr zur Sonne und mal die andere. Wenn wir wegzeigen, ist Winter. Wenn wir hinzeigen, ist Sommer.“

Mattis blieb stehen und dachte nach.

„Also ist der Winter nicht, weil die Sonne weg ist.“

„Nein. Die Sonne ist genau da, wo sie immer ist.“

„Sondern weil wir schief stehen.“

„Genau.“

Mattis fand das auf einmal viel besser als die Vorstellung, dass die Sonne verschwindet.

„Und am einundzwanzigsten stehen wir am schiefsten?“

„Am einundzwanzigsten sind wir am weitesten weggedreht. Danach dreht es sich zurück. Jeden Tag ein bisschen. Erst merkt man es gar nicht. Und dann, irgendwann im Februar, kommst du aus der Schule, und es ist noch hell.“

Am einundzwanzigsten Dezember machte Mattis abends einen Strich an den Türrahmen und schrieb die Uhrzeit dazu, wann das Licht angegangen war.

Er machte das den ganzen Januar weiter.

Und im Februar hatte er recht behalten. Also, eigentlich Opa.

16. Dezember · Zwei Socken, ein Paar

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Am sechzehnten Dezember war Wäschetag, und Wäschetag heißt in diesem Haus: Der Wäscheberg kommt aufs Sofa, und wer vorbeigeht, faltet etwas.

Ida wollte helfen. Sie durfte die Socken machen.

Das ist eine ehrenvolle Aufgabe, weil Socken paarweise gehören, und sie kommen nie paarweise aus der Maschine.

Ida legte alle Socken nebeneinander auf den Boden. Achtundzwanzig Stück. Sie zählte sie, wobei sie bei fünfzehn kurz durcheinanderkam und noch einmal von vorn anfing.

Dann suchte sie Paare.

Die dicken grauen von Papa: leicht. Die gestreiften von Mattis: auch leicht. Ihre eigenen mit den Erdbeeren: sofort gefunden.

Am Ende blieben drei Socken übrig, die zu nichts passten.

Eine schwarze mit einem grünen Streifen am Bündchen.
Eine schwarze mit einem blauen Streifen am Bündchen.
Und eine ganz normale schwarze ohne alles.

Ida hielt sie hoch.

„Die passen nicht.“

Die Mutter kam und schaute.

„Doch. Die eine schwarze und die andere schwarze.“

„Aber die eine hat grün und die andere blau.“

„Das sieht doch keiner.“

Ida schaute ihre Mutter an, als hätte diese gerade etwas Ungeheuerliches vorgeschlagen.

„Ich sehe es.“

Sie legte die drei einzelnen Socken beiseite, ordentlich nebeneinander, und faltete den Rest zu Ende.

Am Abend erzählte die Mutter es dem Vater, und beide fanden es lustig.

Aber am nächsten Morgen zog der Vater seine Socken an, und er merkte etwas: An seinem linken Fuß war ein grüner Streifen und an seinem rechten ein blauer. Und weil er jetzt darauf achtete, sah er es den ganzen Tag.

Abends sagte er zu Ida: „Du hattest recht. Man sieht es.“

Ida nickte, als wäre das nie eine Frage gewesen.

„Aber weißt du was“, sagte der Vater. „Es hat mich den ganzen Tag nicht gestört. Ich musste nur immer daran denken, dass du es weißt.“

Und dann trug er das ganze Jahr über absichtlich manchmal zwei verschiedene Socken.

17. Dezember · Der Schlitten ohne Schnee

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Am siebzehnten Dezember taute es.

Der Schnee, der eine Woche lang gelegen hatte, wurde grau und weich und dann zu Wasser. Der Schneemann mit der Tannenzapfennase sackte in sich zusammen, erst der Kopf, dann der Bauch, bis nur noch ein Haufen übrig war mit zwei Steinen darin.

Mattis hatte am Wochenende rodeln gehen wollen. Es war seit Tagen abgemacht.

Er stand am Fenster und schaute hinaus, und er sagte lange nichts.

„Wir können nächste Woche“, sagte die Mutter.

„Nächste Woche ist Weihnachten.“

„Dann eben danach.“

„Danach ist es vielleicht auch weg.“

Er ging in sein Zimmer und knallte die Tür. Nicht sehr laut, aber deutlich.

Nach einer Weile klopfte es. Es war Opa.

„Darf ich?“

„Hm.“

Opa setzte sich auf den Bettrand. Er sagte nicht, dass das doch nicht so schlimm sei. Er sagte auch nicht, dass es Schlimmeres gebe. Er sagte erst mal gar nichts.

Dann: „Ärgerlich.“

„Ja.“

„Du hast dich eine Woche lang darauf gefreut.“

„Ja.“

„Und jetzt ist es weg, und keiner kann was dafür.“

Mattis nickte.

Sie saßen eine Weile so.

„Weißt du, was ich als Junge gemacht habe, wenn kein Schnee lag?“, fragte Opa irgendwann.

„Was?“

„Ich habe den Schlitten geölt.“

Mattis schaute ihn an, um zu prüfen, ob das ein Witz war.

„Ernsthaft. Die Kufen rosten im Sommer. Wenn du sie im Dezember abschmirgelst und einölst, läuft der Schlitten beim ersten Schnee doppelt so gut. Und dann bist du der Erste unten.“

Sie holten den Schlitten aus dem Schuppen. Er war staubig, und an den Kufen saß tatsächlich Rost.

Sie schmirgelten ihn ab. Das dauerte lange, und Mattis‘ Arm tat weh. Dann rieben sie die Kufen mit Öl ein, bis sie stumpf glänzten.

„So“, sagte Opa. „Jetzt bist du bereit.“

„Aber es liegt kein Schnee.“

„Noch nicht.“

Am achtundzwanzigsten Dezember schneite es wieder.

Und Mattis war der Erste unten.

18. Dezember · Was im Rucksack ist

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Herr Adamek bringt die Post. Er kommt meistens zwischen elf und zwölf, und er hat ein Fahrrad mit zwei gelben Taschen und einen Rucksack dazu.

Am achtzehnten Dezember stand Mattis zufällig am Gartentor, als er kam.

Der Rucksack war voll. So voll, dass der Reißverschluss oben aufstand und man Kartons sehen konnte.

„Ist das alles für uns?“, fragte Mattis.

Herr Adamek lachte. „Für die ganze Straße.“

Er stellte das Fahrrad ab und suchte in einer der Taschen. Es dauerte, weil viel drin war.

„Darf ich mal sehen?“, fragte Mattis.

Herr Adamek zögerte kurz, dann hielt er die Tasche auf.

Drinnen war es voller, als Mattis gedacht hatte. Briefe in Bündeln, mit Gummibändern zusammengehalten. Päckchen in braunem Papier. Ein Umschlag, der so dick war, dass er sich wölbte.

„Wie viele sind das?“

„Heute? Vielleicht dreihundert Sendungen. Im Dezember ist es das Doppelte vom Rest des Jahres.“

„Und die trägst du alle?“

„Ich fahre sie. Tragen wäre schlimmer.“

Mattis schaute auf das Fahrrad. Auf die zwei vollen Taschen, den Rucksack, die Kiste auf dem Gepäckträger.

„Und wenn es regnet?“

„Dann werde ich nass.“

„Und wenn es glatt ist?“

„Dann schiebe ich.“

Herr Adamek fand den Brief, den er suchte, und gab ihn Mattis für den Briefkasten.

Am Abend erzählte Mattis davon beim Essen.

„Dreihundert Stück. Jeden Tag. Und einer davon war unserer.“

„So ist das“, sagte der Vater.

„Aber wir freuen uns nur über unseren.“

Es wurde kurz still am Tisch, denn dagegen konnte niemand etwas sagen.

Am zweiundzwanzigsten Dezember stellte Mattis eine Thermoskanne mit Tee ans Gartentor, mit einem Zettel dran. Auf dem Zettel stand: FÜR HERRN ADAMEK.

Die Kanne war am Nachmittag leer.

Und am Tag darauf steckte im Briefkasten ein Zettel, der nicht frankiert war.

Darauf stand nur: Danke. Der war heiß.

19. Dezember · Das Schaf, das ein Kamel war

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Am neunzehnten Dezember war die Aufführung im Kindergarten. Ida spielte ein Schaf.

Sie hatte das seit drei Wochen geübt. Ihre Rolle bestand aus einem Wort, und das Wort war „Mäh“. Sie sagte es zweimal, einmal in der Mitte und einmal am Schluss, und sie hatte es zu Hause so oft geübt, dass Kohle die Katze schon jedes Mal das Zimmer verließ.

Am Nachmittag saßen alle auf kleinen Stühlen im Gruppenraum. Es war warm und roch nach Mandarinen.

Das Stück fing an.

Es gab Maria und Josef, es gab einen Stern aus Goldpapier an einem Stock, und es gab drei Könige, von denen einer die Krone verkehrt herum aufhatte.

Und es gab die Tiere. Ein Esel, ein Ochse und zwei Schafe.

Ida war das kleinere Schaf.

Alles lief gut, bis zu der Stelle, an der die Könige kamen. Da sollte einer von ihnen sagen: „Wir sind auf Kamelen geritten.“ Aber der Junge, der das sagen sollte, hatte es vergessen.

Es wurde still.

Die Erzieherin flüsterte von der Seite. Der Junge verstand sie nicht. Er stand da mit seiner verkehrten Krone und schaute ins Publikum.

Und dann ging Ida zwei Schritte vor.

Sie stellte sich neben ihn. Und sie sagte, ganz laut und deutlich, in den stillen Raum hinein:

„Er ist auf einem Kamel geritten. Ich war das Kamel.“

Es dauerte einen Moment. Dann fingen die Eltern an zu lachen, und dann lachte auch der Junge, und dann sagte er endlich seinen Satz, und das Stück ging weiter.

Ida ging zurück auf ihren Platz und machte „Mäh“, genau an der richtigen Stelle.

Auf dem Heimweg fragte die Mutter: „Warum hast du das gemacht?“

„Er konnte nicht mehr weiter.“

„Aber du warst doch ein Schaf.“

Ida dachte darüber nach.

„Ein Schaf und ein Kamel sind beide Tiere“, sagte sie dann. „Das ist fast dasselbe.“

Und dabei blieb sie.

20. Dezember · Ein bisschen zu viel Zimt

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Am zwanzigsten Dezember wollte Mattis etwas alleine machen.

Er hatte einmal gesehen, wie seine Mutter warme Milch mit Honig und Zimt gemacht hatte, und er hatte sich gemerkt, wie es geht. Ungefähr.

Er wartete, bis niemand in der Küche war.

Milch in den Topf. Herd an, aber nur auf drei, das wusste er, weil Milch schnell überkocht. Honig, ein großer Löffel. Und dann der Zimt.

Der Zimt war in einem kleinen Glas mit einem Streuer oben drauf. Mattis schüttelte.

Es kam nichts.

Er schüttelte fester.

Es kam immer noch nichts, weil der Zimt festsaß, so wie Zimt das manchmal tut.

Er schraubte den Deckel ab und klopfte gegen das Glas.

Und da kam alles auf einmal.

Ein brauner Berg schwamm auf der Milch. Mattis rührte hektisch, aber Zimt löst sich nicht auf, das musste er in diesem Moment lernen. Die Milch wurde grau, dann dunkelgrau, und obendrauf schwamm eine Schicht, die aussah wie nasse Erde.

Er stellte den Herd aus.

Er stand da und schaute in den Topf und überlegte, ob man das wegschütten und niemandem erzählen könnte.

Dann kam Opa herein.

„Oh“, sagte Opa und schaute in den Topf. „Das ist mutig.“

„Es war zu viel.“

„Ja.“

„Soll ich es wegkippen?“

Opa holte sich einen Löffel und probierte. Er verzog das Gesicht, aber nur ein bisschen.

„Bitter“, sagte er. „Zu viel Zimt wird bitter. Das wusste ich auch nicht, als ich so alt war wie du.“

Er holte den Milchtopf noch einmal, goss Milch nach und rührte. Dann noch ein Löffel Honig.

Er probierte wieder.

„Jetzt geht es.“

„Ist es jetzt richtig?“

„Es ist jetzt trinkbar. Richtig wäre gewesen, weniger zu nehmen. Aber wir sind ja hier nicht im Wettbewerb.“

Sie tranken beide eine Tasse. Es schmeckte kräftiger als sonst, ein bisschen scharf.

„Weißt du, was du gelernt hast?“, fragte Opa.

„Dass Zimt festsitzt.“

„Auch. Aber vor allem: Man kann fast alles noch retten, wenn man etwas dazugibt, statt alles wegzuwerfen.“

Mattis merkte sich beides. Aber das mit dem Zimt merkte er sich sofort und das andere erst Jahre später.

21. Dezember · Der Baum, der nicht durch die Tür passte

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Am einundzwanzigsten Dezember holten sie den Baum.

Der Vater hatte einen Zollstock eingesteckt und die Deckenhöhe im Wohnzimmer aufgeschrieben: zwei Meter fünfundvierzig.

„Also höchstens zwei Meter dreißig“, sagte er im Auto. „Wegen der Spitze und wegen des Ständers.“

Auf dem Platz standen die Bäume in Reihen, und über allem hing eine Lichterkette, und irgendwo lief ein Radio.

Sie gingen durch die Reihen.

Ida wollte den kleinsten. Mattis wollte den größten. Der Vater wollte den, der zwei Meter dreißig hatte.

Sie fanden einen, der schön war. Gleichmäßig gewachsen, dichte Zweige, keine Lücke.

Der Vater hielt den Zollstock daneben.

„Zu groß.“

„Wie viel?“, fragte Mattis.

„Zwei Meter sechzig.“

„Das sind doch nur dreißig Zentimeter.“

„Dreißig Zentimeter sind dreißig Zentimeter.“

Sie schauten sich weiter um. Aber jeder Baum, der ihnen gefiel, war entweder zu groß oder hatte auf einer Seite ein Loch.

Nach einer halben Stunde standen sie wieder vor dem ersten.

Der Verkäufer kam vorbei, ein junger Mann mit roter Nase.

„Der gefällt Ihnen, was?“

„Er ist zu groß.“

Der Verkäufer schaute den Baum an, dann den Vater.

„Wo ist er zu groß? Oben oder unten?“

Der Vater verstand nicht sofort.

„Wenn Sie ihn unten kürzen, verlieren Sie die schönen breiten Zweige. Wenn Sie ihn oben kürzen, verlieren Sie die Spitze. Aber eine Spitze kann man auch anders machen.“

Er nahm eine Säge und schnitt dreißig Zentimeter vom Stamm ab, aber schräg, in einem flachen Winkel.

„Warum schräg?“, fragte Mattis.

„Damit er besser Wasser zieht. Ein gerader Schnitt verschließt sich schneller.“

Zu Hause passte der Baum genau. Zwischen Spitze und Decke war eine Handbreit Platz.

Sie schmückten ihn am Abend. Und ganz oben, wo eigentlich der Stern hinkommt, hängte Ida ihren Papierstern hin, den mit der kurzen Zacke.

Sie drehte ihn so, dass die kurze Zacke nach vorne zeigte.

Das hatte sie sich gemerkt.

22. Dezember · Der Anruf

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Am zweiundzwanzigsten Dezember, kurz nach sechs, klingelte das Telefon.

Es war Tante Rike. Sie wohnt weit weg, in einer anderen Stadt, so weit, dass man sechs Stunden fahren muss, und sie hat eine Tochter, Nele, die ist so alt wie Mattis.

„Wir schaffen es nicht“, sagte Tante Rike. „Nele hat Fieber.“

Die Mutter telefonierte lange im Flur, und man hörte, dass sie leiser wurde.

Als sie zurückkam, sagte sie es einfach: „Sie kommen nicht.“

Mattis legte die Gabel hin.

Er hatte sich auf Nele gefreut. Nicht so, dass er es gesagt hätte, aber er hatte gestern schon aufgeräumt, damit sie in seinem Zimmer schlafen konnte, und das machte er sonst nie freiwillig.

„Und jetzt?“

„Jetzt ist es eben so.“

Er ging früh ins Bett.

Um halb neun klopfte der Vater und kam mit dem Telefon herein.

„Für dich.“

Es war Nele. Ihre Stimme klang komisch, verstopft.

„Hallo.“

„Hallo.“

Dann sagten beide eine Weile nichts, weil Telefonieren mit acht Jahren schwer ist, wenn man nicht weiß, worüber.

„Tut mir leid, dass wir nicht kommen“, sagte Nele schließlich.

„Du kannst ja nichts dafür.“

„Nein.“

Wieder Pause.

Und dann fing Mattis an zu erzählen. Von dem Handschuh im Schnee. Von der Nuss, die er nach zwei Versuchen aufbekommen hatte. Von Ida, die auf der Bühne gesagt hatte, sie sei das Kamel gewesen.

Nele lachte, und dann musste sie husten, und dann lachte sie wieder.

Sie redeten vierzig Minuten.

Als er auflegte, stand der Vater immer noch in der Tür.

„War doch ganz gut“, sagte Mattis.

„Ja?“

„Ich habe ihr alles erzählt. Sie weiß jetzt alles, was hier war.“

Er gab das Telefon zurück und legte sich hin.

„Papa?“

„Hm.“

„Es ist trotzdem nicht dasselbe.“

„Nein“, sagte der Vater. „Ist es nicht.“

Und dann sagte er nichts weiter dazu, und das war genau richtig.

23. Dezember · Die Nacht vor der Nacht

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Am dreiundzwanzigsten Dezember konnte Mattis nicht einschlafen.

Er lag im Dunkeln und hörte die Geräusche des Hauses. Die Heizung. Ein Auto, das draußen vorbeifuhr. Unten im Wohnzimmer die Stimmen der Eltern, zu leise, um Wörter zu verstehen.

Er drehte sich um. Er drehte sich wieder zurück.

Er zählte bis hundert.

Er stand auf und trank Wasser.

Er legte sich wieder hin.

Um halb elf ging die Tür auf, und Ida stand da mit ihrem Hasen.

„Ich kann nicht schlafen.“

„Ich auch nicht.“

Sie kletterte zu ihm ins Bett, was sie eigentlich nicht darf, aber in dieser Nacht sagte niemand etwas.

Sie lagen nebeneinander und schauten an die Decke.

„Morgen ist Heiligabend“, sagte Ida.

„Ich weiß.“

„Ist das dann vorbei?“

Mattis überlegte. Er wusste, was sie meinte, obwohl sie es nicht gut gesagt hatte.

„Was?“

„Das alles. Die Türchen. Und der Kranz. Und dass jeden Tag was ist.“

„Ja“, sagte Mattis. „Das ist dann vorbei.“

Ida schwieg.

„Aber es kommt wieder“, sagte er dann.

„Wann?“

„In einem Jahr.“

„Das ist lang.“

„Ja.“

Sie hörten unten die Spülmaschine anspringen.

„Weißt du was“, sagte Mattis. „Ich fand das mit dem Handschuh am besten.“

„Ich fand das Kamel am besten.“

„Du warst ja auch das Kamel.“

„Ja.“

Und dann fingen sie an, sich gegenseitig zu erzählen, was gewesen war. Der Igel. Der Schneemann mit dem Tannenzapfen. Die Socken. Die Milch mit zu viel Zimt. Die Kerze, die zu wenig Luft hatte.

Sie kamen nur bis ungefähr zum vierzehnten Tag.

Dann schlief Ida ein, mitten im Satz.

Mattis lag noch eine Weile wach und dachte: Vierundzwanzig Tage sind viel mehr, als man denkt, wenn man sie am Anfang zählt.

Dann schlief er auch ein.

24. Dezember · Heiligabend

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Am vierundzwanzigsten Dezember hing an der Schnur nur noch eine Tüte.

Ida stand davor, im Schlafanzug, und rührte sich nicht.

„Machst du sie auf?“, fragte Mattis.

„Noch nicht.“

„Warum nicht?“

„Weil dann keine mehr da ist.“

Also ließen sie sie hängen. Den ganzen Vormittag.

Es war ein merkwürdiger Tag, so wie der vierundzwanzigste immer ein merkwürdiger Tag ist. Alle waren zu Hause und trotzdem beschäftigt. Es roch schon nach Essen, obwohl es erst elf war. Die Mutter ging dreimal in den Keller und kam zweimal ohne etwas zurück.

Am Nachmittag kam Opa.

Er brachte nichts mit. Das fiel Mattis sofort auf, weil Opa immer etwas mitbringt.

„Wo ist dein Ding?“, fragte er.

„Welches Ding?“

„Du hast immer was dabei.“

Opa hängte seinen Mantel auf.

„Heute nicht“, sagte er. „Heute bin ich einfach da.“

Um vier wurde es dunkel. Um fünf wurde die Kerze angezündet, die vierte am Kranz, und alle vier brannten jetzt zugleich, und der Kranz war schon ziemlich trocken und nadelte.

Und dann, kurz vor dem Essen, ging Ida zur Schnur und nahm die letzte Tüte ab.

Alle schauten hin.

Sie machte sie auf.

Darin war ein Zettel. Wieder nur ein Zettel, so wie am ersten Tag, mit derselben krakeligen Schrift.

„Was steht da?“, fragte sie und hielt ihn Mattis hin.

Mattis las laut vor.

„Da steht: Heute ist der letzte Tag. Es waren vierundzwanzig.“

Ida nahm den Zettel zurück und schaute ihn lange an.

Dann ging sie in ihr Zimmer, holte den ersten Zettel aus der Schublade, wo sie ihn den ganzen Dezember aufbewahrt hatte, und legte beide nebeneinander auf den Tisch.

Es sind noch dreiundzwanzig.
Es waren vierundzwanzig.

„Das passt zusammen“, sagte sie.

Der Vater kam mit den Tellern und blieb stehen, als er die beiden Zettel sah.

„Willst du sie behalten?“, fragte er.

„Ja.“

„Wo denn?“

Ida überlegte.

„In der Kiste mit dem Adventskalender“, sagte sie. „Da, wo er das ganze Jahr wohnt. Dann finde ich sie nächstes Mal wieder.“

Und so machten sie es.

Und wenn im nächsten November die Kiste vom Dachboden geholt wird und jemand den Deckel aufmacht, dann liegen ganz oben zwei kleine Zettel.

Häufige Fragen

Für welches Alter sind die Geschichten?

Für drei bis acht Jahre. Die Kinder in den Geschichten sind vier und sechs, und Kinder hören am liebsten von Kindern, die ungefähr so alt sind wie sie selbst. Ältere Enkel können sie gut selbst vorlesen — die Sätze sind kurz genug dafür.

Wie lange dauert eine Geschichte?

Zwei bis drei Minuten. Das ist bewusst so kurz gehalten: Ein Adventsabend hat selten mehr Ruhe zu bieten, und eine Geschichte, die zu Ende erzählt wird, ist mehr wert als eine lange, bei der jemand einschläft — und zwar der Vorleser.

Muss man sie der Reihe nach lesen?

Nein. Jede funktioniert für sich. Wer alle vierundzwanzig liest, bekommt allerdings ein paar Fäden dazu, die am Ende zusammenlaufen: der Zettel aus dem ersten Türchen taucht am vierundzwanzigsten wieder auf, und der Stern mit der kurzen Zacke landet auf der Baumspitze.

Darf ich die Geschichten weitergeben?

Im Familien- und Freundeskreis gern: ausdrucken, vorlesen, verschenken, in den Adventskalender legen. Was nicht geht, ist das Veröffentlichen auf einer anderen Website oder der Verkauf — die Geschichten sind von mir geschrieben und bleiben meine.

Kann man sie auch anhören?

Ja, alle vierundzwanzig. Unter jeder Überschrift steht ein Abspieler; die Aufnahmen dauern je zwei bis drei Minuten. Vorgelesen wird von einer künstlichen Stimme, der Text stammt von mir — das sagt auch jede Aufnahme am Anfang. Am Telefon oder im Auto tut die Aufnahme denselben Dienst wie das Vorlesen.

Warum keine bekannten Weihnachtsgeschichten?

Weil die meisten davon noch geschützt sind — und wo der Autor lange genug tot ist, hat oft noch der Übersetzer eigene Rechte. Eigene Geschichten sind der ehrlichere Weg. Und sie handeln von Dingen, die in einem Haushalt mit Enkeln tatsächlich vorkommen.

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Beitrag aus der Kategorie: FamilieVerantwortlicher Autor: Jürgen BuschInhalt des Beitrages habe ich auf Richtigkeit überprüft am 15. August 2026.