Der heilige Martin teilt am verschneiten Stadttor mit dem Schwert seinen roten Mantel und reicht die Hälfte einem frierenden Mann

Es gibt Geschichten, die man nicht erklären muss. Ein Mann friert, ein anderer hat einen warmen Mantel und schneidet ihn in zwei Hälften – das versteht ein Dreijähriger sofort, und zwar mit dem Bauch, nicht mit dem Kopf. Genau deshalb hält sich die Martinsgeschichte seit über 1600 Jahren.

Ich habe sie hier so aufgeschrieben, wie ich sie meinen Enkeln vorlese: kurze Sätze, wenig Namen, viel Bild. Darunter findest du eine noch kürzere Fassung für die Kleinsten, die Antworten auf die Fragen, die danach fast immer kommen – und für dich selbst den echten historischen Hintergrund, damit du nicht ins Schwimmen kommst, wenn ein Siebenjähriger nachbohrt.

Kurz gesagt: Der römische Soldat Martin teilt an einem Wintertag am Stadttor von Amiens seinen Mantel mit einem frierenden Bettler. In der Nacht darauf träumt er, dass Jesus selbst den halben Mantel trägt. Vorlesezeit der langen Fassung: etwa vier Minuten. Für Kinder ab drei Jahren, richtig gut ab vier.

Opa Jürgen Busch, Autor von grossvater.de

Beitrag von Jürgen Busch · AKTUALISIERT AM 30.07.2026 · Feste & Bräuche
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Die Martinsgeschichte zum Vorlesen

Für Kinder von etwa 4 bis 7 Jahren · Vorlesezeit rund 4 Minuten

Vor sehr langer Zeit lebte ein Mann, der hieß Martin. Er war Soldat und ritt auf einem großen Pferd. Über seinen Schultern trug er einen roten Mantel, warm und dick, mit weißem Fell gefüttert. Auf diesen Mantel war Martin ein bisschen stolz, denn er war das Schönste, was er besaß.

Eines Abends im Winter ritt Martin auf eine Stadt zu. Es war bitterkalt. Der Wind pfiff ihm um die Ohren, und in der Luft lag Schnee. Martin zog den Mantel enger um sich und dachte an das warme Feuer, das ihn hinter der Stadtmauer erwartete.

Am Stadttor saß ein Mann auf dem Boden. Er hatte fast nichts an. Keinen Mantel, keine Schuhe, nur ein dünnes Hemd. Er zitterte so stark, dass er kaum sprechen konnte. „Bitte“, sagte er leise zu den Leuten, die vorbeigingen, „bitte hilf mir. Mir ist so kalt.“

Aber die Leute hatten es eilig. Einer schaute weg. Einer zog die Schultern hoch und lief schneller. Einer sagte: „Ich habe selbst nichts.“ Und dann war die Straße wieder leer, und der Mann saß allein im Schnee.

Da kam Martin auf seinem Pferd. Er sah den Mann. Und er hielt an.

Martin griff in seine Tasche. Kein Geld. Er schaute auf sein Pferd – das brauchte er selbst. Er schaute an sich herunter. Und dann sah er seinen Mantel.

Martin zog sein Schwert. Aber nicht, um zu kämpfen. Er nahm den Mantel von den Schultern, legte ihn über den Sattel und schnitt ihn mitten durch. Ritsch. Eine Hälfte für den frierenden Mann. Eine Hälfte für sich.

„Hier“, sagte Martin und legte dem Mann den halben Mantel um. „Der wärmt.“ Der Mann sah ihn an und brachte kein Wort heraus. Und Martin ritt weiter, mit einem halben Mantel, und ihm war jetzt selbst ein wenig kalt. Aber innen drin war ihm warm.

In der Nacht schlief Martin ein und hatte einen Traum. In seinem Traum stand jemand vor ihm und trug den halben roten Mantel über der Schulter – genau die Hälfte, die Martin weggegeben hatte. Und dieser Jemand sagte zu allen, die da waren: „Seht, was Martin mir gegeben hat.“

Am nächsten Morgen wachte Martin auf und wusste: Es ist gut, zu teilen. Auch dann, wenn man selbst nicht viel hat. Vielleicht sogar besonders dann.

Martin wurde später ein sehr wichtiger Mann in der Stadt Tours. Aber die Menschen erzählten sich nicht, wie wichtig er war. Sie erzählten sich die Geschichte von dem Mantel. Und darum ziehen wir heute jeden November mit Laternen durch die Dunkelheit: damit die Geschichte weiterleuchtet.

Und danach wird gesungen – das gehört zur Geschichte dazu wie die Laterne selbst. Die Texte der Klassiker findest du bei den schönsten Laternenliedern, samt Tipps fürs Mitsingen im Dunkeln.

Die Kurzfassung für die Kleinsten

Für Kinder von 2 bis 4 Jahren · sechs Sätze, gut zum mehrmals Wiederholen

Martin war ein Soldat und ritt auf einem Pferd. Es war Winter und sehr kalt. Am Stadttor saß ein Mann, der hatte keine Jacke und hat gefroren. Martin hatte einen warmen Mantel. Da nahm Martin sein Schwert und schnitt den Mantel in zwei Teile – eins für den Mann, eins für sich. Und darum tragen wir heute Laternen: weil Martin geteilt hat.

Kleine Kinder mögen es, wenn sich an einer Stelle etwas wiederholt. Bei uns ist das das „Ritsch“ beim Zerschneiden – das darf das Enkelkind selbst sagen, und beim dritten Vorlesen wartet es schon darauf. Wenn du magst, halte beim Vorlesen eine alte Decke bereit und legt sie gemeinsam über beide Schultern. Mehr Requisite braucht es nicht.

Was Kinder danach fragen

Nach dem Vorlesen kommen meistens dieselben vier oder fünf Fragen. Es lohnt sich, vorher kurz darüber nachgedacht zu haben – Kinder merken sofort, wenn man improvisiert.

„Warum hat er nicht den ganzen Mantel gegeben?“

Das ist die klügste Frage von allen, und sie hat eine schöne Antwort: Der Mantel gehörte Martin nur zur Hälfte. Die andere Hälfte gehörte dem römischen Heer, das die Ausrüstung bezahlt hatte. Martin gab also genau das weg, was sein Eigenes war – nicht mehr und nicht weniger. Für Kinder lässt sich das gut übersetzen: Er hat alles gegeben, was ihm selbst gehörte.

„Ist der Bettler dann gestorben?“

Kinder denken diesen Gedanken zu Ende, auch wenn er unangenehm ist. Bleib ruhig bei der Geschichte: Nein – der halbe Mantel hat ihn gewärmt, und er hat die Nacht überstanden. Warum genau das wichtig war, versteht ein Kind sofort: weil einer angehalten hat.

„Waren die anderen Leute böse?“

Ich würde sie nicht böse nennen, sondern eilig. Sie hatten es kalt, sie wollten nach Hause, sie haben nicht hingeschaut. Das ist der eigentliche Punkt der Geschichte und ganz nah am Leben eines Kindes: Nicht hinschauen ist leicht. Hinschauen muss man wollen.

„Hat er dann gefroren?“

Ja, ein bisschen. Und das darf man ruhig zugeben. Teilen ist nicht immer bequem – wenn es nichts kostet, ist es kein Teilen. Genau deshalb erzählt man die Geschichte immer noch.

Vom Teilen sprechen, ohne zu belehren

Der Moment nach der Geschichte ist der beste des ganzen Abends – und der wird am schnellsten kaputtgemacht, wenn ein Erwachsener eine Moral hinterherschiebt. Kinder hören die Botschaft von selbst. Was hilft, ist nicht Erklären, sondern Tun:

  • Den Weckmann teilen. Einen großen backen statt sechs kleiner und ihn am Tisch in Stücke brechen – jeder bekommt eins. Das ist die Geschichte zum Anfassen, und niemand muss sie kommentieren.
  • Die halbe Portion verschenken. Wenn beim Umzug jemand ohne Laterne dabeisteht, darf dein Enkel seine für ein Stück des Weges abgeben. Kurz, freiwillig, mit Rückgabe – kleine Kinder erleben das als Abenteuer, nicht als Verlust.
  • Die aussortierte Jacke. Vor dem Martinstag gemeinsam den Kleiderschrank durchgehen und eine warme Jacke aussuchen, die zu klein geworden ist, und sie zur Kleidersammlung bringen. Das Kind darf sie selbst hineinlegen.
  • Das Laternenlicht weitergeben. Eine schöne, ganz stille Geste zum Schluss: An der Haustür zündet dein Enkel eine zweite Laterne an seiner eigenen an und stellt sie ins Fenster – für die, die draußen unterwegs sind.

Der echte Martin – Hintergrund für Großeltern

Martin von Tours ist keine erfundene Figur. Er wurde um 316 oder 317 in Savaria geboren, dem heutigen Szombathely in Ungarn, als Sohn eines römischen Militärtribuns. Mit fünfzehn wurde er selbst zum Militärdienst eingezogen und kam in die kaiserliche Garde; ab etwa 334 war er in Amiens im heutigen Nordfrankreich stationiert. In diese Zeit fällt die Mantelteilung – Martin war damals ungefähr achtzehn und noch nicht getauft.

Getauft wurde er erst 351, mit rund 35 Jahren, durch Bischof Hilarius von Poitiers. Er gründete später das erste Kloster Galliens, und 370 oder 371 wählten ihn die Bewohner von Tours zu ihrem Bischof. Er starb am 8. November 397 in Candes bei Tours und wurde am 11. November in Tours beigesetzt. Deshalb ist der Martinstag der 11. November – es ist nicht sein Geburts- oder Sterbetag, sondern der Tag seiner Beisetzung.

Für Nachfragen gut zu wissen: Die Gänse-Legende gehört zur Bischofswahl. Martin soll sich in einem Gänsestall versteckt haben, weil er das Amt nicht wollte – das aufgeregte Schnattern der Gänse verriet ihn. Und der Laternenumzug hat seinen Ursprung darin, dass Martins Leichnam in einer Lichterprozession nach Tours überführt wurde.

Ein zweiter, sehr weltlicher Grund erklärt, warum am Martinstag so gut gegessen wird: Um den 11. November endete das bäuerliche Jahr. Pachten und Zinsen wurden fällig, Verträge geschlossen, das Vieh gezählt. Danach begann eine mehrwöchige Fastenzeit vor Weihnachten – der Martinstag war also der letzte Tag, an dem noch einmal reichlich aufgetischt wurde. Gänsebraten und süßes Hefegebäck sind Reste dieser Ordnung.

Was Kinder übrigens gern hören: Die Reliquie des halben Mantels, lateinisch cappa, wurde von den fränkischen Königen wie ein Schatz gehütet und in einem eigenen Raum aufbewahrt. Der Mann, der diesen Raum bewachte, hieß Kaplan – und der kleine Raum selbst Kapelle. Aus einem halben Mantel sind also zwei Wörter geworden, die wir heute noch benutzen.

Was man beim Vorlesen besser weglässt

Zwei Dinge halte ich bewusst aus der Geschichte heraus, wenn kleine Kinder zuhören. Erstens das Wort „Bettler“ – für Kinder unter fünf ist das ein leeres Wort, „ein Mann, der friert und keine Jacke hat“ ist viel klarer und weckt sofort Mitgefühl. Zweitens den Traum als Beweis. Ich erzähle den Traum als Traum, nicht als Erklärung. Ob daraus ein Glaubenssatz wird, entscheiden nicht Oma und Opa am Vorleseabend.

Und noch etwas: Es muss nicht jedes Jahr die ganze Geschichte sein. Manchmal reicht die Frage „Weißt du noch, warum wir Laternen tragen?“ – und dann erzählt das Enkelkind sie dir. Das ist der schönste Moment, den diese Geschichte zu bieten hat.

Häufige Fragen

Für welches Alter ist die Martinsgeschichte geeignet?

Die lange Fassung funktioniert gut ab vier Jahren, mit etwas Ruhe auch ab drei. Für Zwei- bis Vierjährige gibt es oben die Kurzfassung in sechs Sätzen – kleine Kinder mögen es, wenn dieselbe Fassung mehrmals wiederholt wird, statt dass sie länger wird.

Wie lange dauert das Vorlesen?

Die lange Fassung braucht etwa vier Minuten, wenn man sich Zeit lässt und an den Bildern hängen bleibt. Die Kurzfassung dauert unter einer Minute.

Warum hat Martin nur die Hälfte des Mantels gegeben?

Weil ihm nur die Hälfte gehörte: Die andere Hälfte hatte das römische Heer bezahlt. Martin gab also genau das weg, was sein Eigentum war.

Muss die Geschichte religiös erzählt werden?

Nein. Der Kern – jemand friert, einer schaut hin und teilt – trägt vollkommen für sich. Den Traum am Ende kann man als Traum erzählen und offenlassen, was er bedeutet. In Kindergärten wird es meist genauso gehalten.

Wann ist Martinstag?

Immer am 11. November. Das ist der Tag, an dem Martin von Tours im Jahr 397 beigesetzt wurde – er starb drei Tage vorher, am 8. November.

Aus Opas Universum

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