

Symbolbild, mit KI erstellt — keine realen Personen. Nicht das Gerät entscheidet, sondern ob jemand danebensitzt.
Inhalt des Beitrags
Bildschirmzeit ist die Zeit, die ein Kind vor Fernseher, Tablet, Handy oder Spielkonsole verbringt. Für die Frage, wie viel davon in Ordnung ist, gibt es keine gesetzliche Grenze, sondern Empfehlungen — und die sind sich in einem Punkt einig: Je jünger das Kind, desto weniger, und desto wichtiger ist es, dass ein Erwachsener dabei ist. Bei Oma und Opa kommt eine Frage dazu, die in keinem Elternratgeber steht: Wessen Regeln gelten hier eigentlich?
Kurz gesagt: Für Kinder unter drei Jahren empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation praktisch keine Bildschirmzeit, für Drei- bis Vierjährige höchstens eine Stunde am Tag. Ab dem Schulalter zählt weniger die Uhr als die Frage, was das Kind tut und ob jemand dabei ist. Und der wirksamste Schritt ist nicht die Stoppuhr, sondern eine Regel, die vorher gemeinsam vereinbart wurde — dafür gibt es einen kostenlosen Mediennutzungsvertrag.
Wie viel Bildschirmzeit ist in Ordnung?
Diese Frage bekomme ich häufiger gestellt als jede andere aus diesem Themenkreis, und ich muss Dich gleich zu Beginn ein wenig enttäuschen: Eine Zahl, die für alle Kinder gilt, gibt es nicht. Was es gibt, sind zwei ernst zu nehmende Empfehlungen, und die will ich Dir genau so wiedergeben, wie sie gemeint sind.
Die Weltgesundheitsorganisation hat 2019 erstmals Leitlinien zu Bewegung, Schlaf und Bildschirmzeit für Kinder unter fünf Jahren veröffentlicht. Sie sind knapp und deutlich: Im ersten Lebensjahr gehört ein Kind gar nicht vor einen Bildschirm. Bis zum zweiten Geburtstag ebenfalls nicht. Für Zwei- bis Vierjährige nennt die WHO höchstens eine Stunde am Tag und fügt hinzu: weniger ist besser.
Bevor Du jetzt zusammenzuckst, weil Dein zweijähriger Enkel neulich eine Stunde lang „Die Sendung mit der Maus“ geschaut hat — diese Leitlinien sind als Zielrichtung für die Gesellschaft gedacht, nicht als Anklage gegen einen einzelnen Nachmittag. Kein Kind nimmt Schaden, weil es einmal länger geschaut hat. Der Punkt der WHO ist ein anderer: In den ersten Lebensjahren lernt ein Kind praktisch alles über Bewegung, Berührung und Sprache mit echten Menschen. Jede Stunde am Bildschirm ist eine Stunde, die dafür fehlt. Nicht schädlich — nur leer.
💡 Opa-Tipp: Für die Enkelbetreuung heißt das übersetzt: Bei den ganz Kleinen brauchst Du keine Regel, sondern nur eine Gewohnheit — den Fernseher aus, wenn das Kind im Raum ist. Auch nebenbei laufender Ton zählt. Ein Kleinkind kann noch nicht ausblenden.
Die 3-6-9-12-Regel
Die zweite Empfehlung ist die bekannteste, und sie stammt nicht von einer Behörde, sondern von einem Menschen: dem französischen Psychoanalytiker Serge Tisseron, der sie 2008 aufgestellt und seither mehrfach überarbeitet hat. Ihr Charme liegt darin, dass sie sich in vier Zahlen merken lässt und nicht in Minuten rechnet, sondern in Übergängen.
- Vor 3 Jahren: kein Bildschirm nebenbei. Spielen und sprechen statt zuschauen. Wenn ein Gerät zum Einsatz kommt, dann nur gemeinsam.
- Vor 6 Jahren: keine eigene Spielkonsole. Bildschirmzeit begrenzen, Inhalte gemeinsam anschauen und besprechen — und keine Bildschirme beim Essen, vor dem Einschlafen oder zum Beruhigen.
- Vor 9 Jahren: kein eigener Internetzugang. In diesem Alter geht es darum, Geräte kreativ zu nutzen und zu erklären, was das Internet überhaupt ist.
- Vor 12 Jahren: keine sozialen Netzwerke. Über ein eigenes Handy wird gemeinsam entschieden, und nachts sind die Geräte aus.
Tisseron selbst hat seine Regel entschärft, seit Bildschirme überall sind — sie ist heute weniger ein Verbotskatalog als eine Reihenfolge. Genau darin liegt für Großeltern ihr Wert. Sie beantwortet nämlich nicht die Frage „wie lange“, sondern „was als Nächstes“. Und das ist die Frage, bei der Du als Oma oder Opa tatsächlich etwas beitragen kannst, ohne den Eltern ins Handwerk zu pfuschen.
Ein Wort zur Einordnung, weil ich Dir nichts unterschieben will: Die 3-6-9-12-Regel ist die Fachmeinung eines erfahrenen Mannes, keine Studienlage. Ich halte sie für klug, weil sie das Kind und nicht die Uhr in den Mittelpunkt stellt. Aber sie ist nicht in demselben Sinn belegt wie die WHO-Leitlinie, und das sollst Du wissen, bevor Du sie in einer Familiendiskussion zitierst.
Der Mediennutzungsvertrag: Regeln, über die nicht täglich gestritten wird
Wenn ich aus diesem ganzen Beitrag eine einzige Sache herausheben dürfte, wäre es diese. Die meisten Konflikte um Bildschirmzeit entstehen nicht, weil ein Kind zu lange schaut. Sie entstehen, weil jedes Mal neu verhandelt wird. Und beim Neuverhandeln gewinnt am Ende immer der, der länger durchhält — meistens das Kind, manchmal der müde Erwachsene, der einfach Ruhe will.
Dagegen gibt es ein einfaches Mittel: einen Mediennutzungsvertrag. Das ist kein juristisches Dokument, sondern eine Vereinbarung, die Kind und Erwachsener gemeinsam aufsetzen und beide unterschreiben. Was darf genutzt werden, wie lange, wann nicht, und was passiert, wenn sich jemand nicht daran hält. Das Entscheidende ist, dass das Kind mitschreibt. Eine Regel, an der es beteiligt war, verteidigt es plötzlich selbst.
Die beiden Initiativen klicksafe und Internet-ABC stellen dafür ein kostenloses Werkzeug unter mediennutzungsvertrag.de bereit. Man wählt die Altersgruppe — bis 12 Jahre oder darüber —, klickt sich durch Regelvorschläge, ergänzt eigene und druckt das Ergebnis aus. Es kostet nichts, verlangt keine Anmeldung und dauert eine Viertelstunde. Bemerkenswert daran finde ich einen Teil, den viele übersehen: Es gibt auch Regeln für die Erwachsenen. Zum Beispiel, dass beim Essen niemand aufs Handy schaut. Das ist die Stelle, an der ein solcher Vertrag ehrlich wird.
💡 Opa-Tipp: Für Großeltern lohnt sich eine eigene, kurze Fassung: drei Sätze, was bei Oma und Opa gilt. Handgeschrieben, vom Enkel mitunterschrieben, an den Kühlschrank. Ich kenne kein Kind, das so einen Zettel nicht ernst nimmt — und keinen Erwachsenen, dem er nicht das Diskutieren erspart.
Was Kinder tatsächlich tun — die Zahlen
Damit wir nicht im Ungefähren bleiben: Für Deutschland gibt es eine verlässliche Erhebung, die KIM-Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest. Für die Ausgabe 2024 wurden zwischen dem 18. September und dem 7. November 2024 insgesamt 1.225 Kinder zwischen sechs und dreizehn Jahren und jeweils die Hauptbezugsperson befragt.
| Befund aus der KIM-Studie 2024 | Wert |
|---|---|
| Kinder, die online sind und das Internet täglich nutzen | 54 % (2022: 47 %) |
| Tägliche Internetnutzung bei den 8- bis 9-Jährigen | 40 % (2022: 23 %) |
| Kinder mit eigenem Smartphone | 46 % |
| Eltern, die Bildschirmzeiten festlegen | 43 % |
| Eltern ohne jede Regel oder Begleitung | 55 % |
Die letzte Zeile ist die, über die ich am längsten nachgedacht habe. Mehr als die Hälfte der Eltern setzt weder eine technische Grenze noch begleitet sie die Nutzung — nicht aus Gleichgültigkeit, nehme ich an, sondern weil der Tag zu kurz ist. Und genau da liegt eine Aufgabe, die Großeltern übernehmen können, ohne sich einzumischen: nicht kontrollieren, sondern dabeisitzen. Der Sprung von 23 auf 40 Prozent bei den Acht- und Neunjährigen in nur zwei Jahren zeigt außerdem, wie schnell sich das gerade verschiebt. Was Du bei Deinem älteren Enkel erlebt hast, ist beim jüngeren womöglich schon überholt.
Wessen Regeln gelten bei Oma und Opa?
Jetzt zu der Frage, die in keinem Elternratgeber steht, weil Eltern sie nicht haben. Wenn das Kind bei Dir ist: Gelten Deine Regeln oder die der Eltern?
Meine Antwort, und ich weiß, dass sie nicht jedem gefällt: Die Eltern setzen den Rahmen, Du füllst ihn aus. Wie lange und was geschaut werden darf, entscheiden die Eltern — das ist ihr Erziehungsrecht, und es steht Dir nicht zu, es zu unterlaufen, auch nicht aus Liebe. Wie der Nachmittag aussieht, in dem diese Bildschirmzeit vorkommt, entscheidest Du. Und da hast Du mehr Spielraum, als Du denkst.
Praktisch heißt das: Frag einmal nach, was zu Hause gilt, und halte Dich daran. Ein Satz genügt, einmal im Jahr. Danach musst Du nicht mehr fragen und hast Dir für den Rest der Zeit den Rücken freigehalten. Wer nie fragt, muss dagegen jedes Mal raten — und rät irgendwann falsch.
⚠️ Eine Grenze gibt es, die nicht verhandelbar ist: Was Du bei Dir zeigst, verantwortest Du. Wenn die Eltern einen Film erlauben, den Du für zu heftig hältst, musst Du ihn nicht zeigen. Umgekehrt gilt das genauso — heimlich mehr erlauben, „weil Oma das darf“, ist kein Großelternprivileg, sondern ein Vertrauensbruch. Er fliegt außerdem immer auf. Kinder erzählen alles, nur nie das, was man ihnen aufträgt.
Wenn Ihr Euch nur selten seht
Viele Großeltern sehen ihre Enkel ein paar Mal im Jahr, dann aber am Stück. Für die Bildschirmfrage ändert das die Rechnung grundlegend, und zwar in beide Richtungen.
Die eine Richtung: Eine Woche mit Dir ist eine Ausnahmewoche. Wenn dabei einmal ein ganzer Regennachmittag vor dem Fernseher landet, bricht keine Gewohnheit ein — es gibt ja keine Gewohnheit, die einbrechen könnte. Du musst nicht die Erziehungsbilanz eines ganzen Jahres in sieben Tagen retten.
Die andere Richtung wiegt schwerer. Ihr habt wenig gemeinsame Zeit, und der Bildschirm ist der zuverlässigste Zeitdieb, den es gibt. Zwei Stunden Tablet an einem Tag, an dem Ihr Euch ohnehin nur fünf Stunden seht, sind kein Erziehungsproblem, sondern ein Verlust. Nicht für das Kind — für Dich. Das ist der ehrlichere Grund, den Fernseher auszulassen, und er kommt ohne jede Pädagogik aus.
💡 Opa-Tipp: Was bei Besuchen aus der Ferne gut funktioniert: Bildschirmzeit nicht verbieten, sondern gemeinsam machen. Ein Film zusammen auf dem Sofa ist etwas völlig anderes als ein Kind allein mit einem Tablet — auch wenn die Stoppuhr dasselbe zeigt. Wie so ein Abend aussehen kann, habe ich unter Filmabend mit Kindern aufgeschrieben.
Gastbeitrag: Wenn beim Familienfest alle aufs Handy schauen
Gastbeitrag von Dr. habil. Avelina Lovis-Schmidt, Psychologin und Autorin. Für grossvater.de gekürzt und in die Du-Form gebracht. Am Ende stellt die Autorin ihr eigenes Buch vor.
Endlich kommt die ganze Familie zusammen. Der Kuchen steht auf dem Tisch, Oma und Opa freuen sich seit Tagen auf Kinder und Enkel. Doch während die ersten Gespräche beginnen, wandern die Blicke immer wieder zum Smartphone – auch am Esstisch. Die Enkel sind zwar da, aber kaum ansprechbar. Aus dem kurzen Blick werden zehn Minuten, dann zwanzig. Irgendwann fällt der Satz: „Kannst du das blöde Ding nicht mal weglegen?“ Die Stimmung kippt. Der Enkel ist genervt, Oma enttäuscht, und die Eltern sitzen zwischen den Stühlen.
Dabei geht es selten nur um mangelnde Selbstbeherrschung. Viele digitale Angebote sind so gebaut, dass wir möglichst lange dabeibleiben. Und für Jugendliche ist das Smartphone ein wichtiger Teil ihres sozialen Lebens: Wenn die Enkelin beim Familienfest Nachrichten schreibt, heißt das nicht, dass ihr Oma und Opa unwichtig sind. Hinter dem Handy und hinter dem Wunsch nach gemeinsamer Zeit stehen oft ganz verschiedene Bedürfnisse – der eine will nach der Schulwoche abschalten, die andere mit Freunden in Verbindung bleiben, Oma freut sich auf ein langes Gespräch. Schwierig wird es, wenn niemand darüber spricht.
Einladen statt verbieten
Natürlich darfst Du Wünsche äußern und Regeln vorschlagen. Entscheidend ist, wie sie entstehen. Zwei Sätze, ein Wunsch:
So nicht: „Jetzt legst du sofort das Handy weg. Früher konnten wir uns schließlich auch ohne beschäftigen!“
Besser: „Ich hatte mich darauf gefreut, heute etwas mit dir zu machen. Hast du Lust, dass wir nach dem Essen eine halbe Stunde zusammen verbringen? Danach kannst du gerne wieder dein Ding machen.“
Die zweite Fassung sagt, warum Dir die gemeinsame Zeit wichtig ist, und lässt dem Enkel Spielraum. Menschen brauchen nicht nur Verbundenheit, sondern auch das Gefühl, selbst entscheiden zu können – gerade Jugendliche. Welche Medienregeln gelten, bestimmen in erster Linie die Eltern (mehr dazu oben unter Wessen Regeln gelten bei Oma und Opa?). Bewährt hat sich eine gemeinsame Verabredung: Beim Essen bleiben die Smartphones beiseite, danach entscheidet jeder selbst.
Fünf Ideen, mit denen das Familienfest wieder Spaß macht
- Fragen stellen, die neugierig machen. Statt „Wie war die Schule?“ – „Gut.“ lieber: „Was glaubst du, was ich in deinem Alter am liebsten gemacht habe?“ oder „Wenn du einen Tag mit mir tauschen könntest – was würdest du als Erstes machen?“ Am schönsten wird es, wenn die Fragen in beide Richtungen gehen. Und bitte kein Verhör: Eine einzige gute Frage ist mehr wert als zwanzig gut gemeinte Nachfragen.
- Erinnerungen teilen. Hol das alte Fotoalbum heraus und lass die Enkel raten, wer auf den Bildern ist. Wie hat man sich verabredet, als es noch keine Smartphones gab? Oft zeigen sich erstaunliche Gemeinsamkeiten. Und wenn die Enkel dann ihre eigenen Fotos auf dem Handy zeigen wollen – umso besser.
- Gemeinsam lachen. Eine Runde, in der jeder sein peinlichstes Erlebnis des Jahres erzählt. Oder zwei schauen sich in die Augen und versuchen, ernst zu bleiben – wer zuerst lacht, hat verloren. Vorbereiten muss man dafür nichts, und wer nicht erzählen mag, hört einfach zu.
- Gemeinsam etwas schaffen. Ein Rezept ausprobieren, den Festtisch dekorieren, nach dem Essen eine kleine Bewegungsaufgabe: Alle stellen sich ohne ein Wort nach dem Geburtsmonat in eine Reihe. Gib den Enkeln ruhig Verantwortung – und wenn der Kuchen misslingt, wird das später eine genauso schöne Familiengeschichte.
- Das Handy einfach mit einbeziehen. Lass Dir das Lieblingsspiel zeigen, frag nach der Lieblingsmusik, sucht gemeinsam den Ort, an dem Oma und Opa früher Urlaub gemacht haben. Dann sind die Enkel die Fachleute und Du der, der etwas lernt. Entscheidend ist nicht, ob ein Bildschirm dabei ist, sondern ob Ihr Euch miteinander beschäftigt oder jeder für sich.
Und wenn Oma und Opa selbst aufs Handy schauen?
Das kommt häufiger vor, als man denkt: Opa beschwert sich über den Enkel und prüft selbst die Fußballergebnisse, Oma unterbricht das Gespräch für die Familiengruppe. Das ist menschlich. Eine Regel, die für alle gilt, wird leichter angenommen als eine, die nur die Jungen trifft. Ein kleines Experiment fürs nächste Familienfest, etwa an Weihnachten: Alle legen ihre Smartphones für eine verabredete Zeit zur Seite. Nicht als Strafe, sondern um zu sehen, was passiert. Nähe lässt sich nicht erzwingen. Sie entsteht, wenn alle gerne Zeit miteinander verbringen und sich mit ihren Bedürfnissen angenommen fühlen.
Über die Autorin
Dr. habil. Avelina Lovis-Schmidt ist Psychologin, Wissenschaftlerin und Autorin. Sie forscht zu Emotionen, psychologischen Bedürfnissen und der Frage, wie Menschen ihren Alltag und ihre Beziehungen gut gestalten. Ihr Mitmachbuch „Handys aus. Weihnachten an.“ bietet fünf Bereiche für das Miteinander der Generationen – ruhig, persönlich, lustig, action und gemeinsam. Ein Buch reicht für die ganze Familie: Die Anleitungen werden vorgelesen, vorbereiten muss niemand etwas.
Der ehrliche Teil: wann der Bildschirm Dir hilft
Ich will an dieser Stelle nicht so tun, als wäre ich der Großvater, der den Enkel acht Stunden am Stück bespaßt und dabei blendend gelaunt bleibt. Enkelbetreuung ist schön und sie ist anstrengend, und beides zugleich. Mit siebzig hat man nicht mehr die Kondition von dreißig, und wer das Gegenteil behauptet, hat entweder keine Enkel oder eine kurze Erinnerung.
Es gibt also Momente, in denen der Bildschirm keine pädagogische Entscheidung ist, sondern eine Atempause. Nach einem langen Vormittag draußen. Wenn der Rücken meldet, dass Schluss ist. Wenn zwei Enkel da sind und einer krank wird. Das ist völlig in Ordnung, und ich halte nichts davon, ein schlechtes Gewissen daraus zu machen.
Aber ich würde Dir raten, es Dir selbst gegenüber ehrlich zu benennen. Ein Unterschied besteht zwischen „das Kind darf jetzt eine Folge schauen“ und „ich brauche jetzt vierzig Minuten“. Beides ist legitim. Nur führt das Zweite, wenn man es nicht ausspricht, dazu, dass aus vierzig Minuten zwei Stunden werden und man hinterher unzufrieden mit sich ist. Sag es Dir — und stell einen Wecker.
Wenn die Eltern es anders halten als Du
Bleibt der unangenehmste Fall: Du findest, Dein Enkel sitzt zu viel vor dem Bildschirm, und die Eltern sehen das anders.
Der erste Rat ist der unbeliebteste: Sprich es höchstens einmal an, ruhig, und dann nicht wieder. Nicht weil Deine Sorge unberechtigt wäre, sondern weil ein zweites und drittes Mal nichts bewirkt, außer dass Du als der Großvater giltst, der immer etwas zu bemängeln hat. Und wer diesen Ruf hat, wird bei den Dingen, die wirklich wichtig sind, nicht mehr gehört.
Wenn Du es ansprichst, dann frag, statt zu urteilen. „Wie handhabt Ihr das eigentlich mit dem Tablet?“ öffnet ein Gespräch. „Der Junge hängt ja nur noch am Bildschirm“ beendet eines. Und wenn die Antwort lautet, dass es die Eltern anders sehen als Du, dann ist das ihre Entscheidung. Sie tragen die Verantwortung, nicht Du. Das ist bitter, wenn man es besser zu wissen glaubt, und es bleibt trotzdem richtig.
Was Du stattdessen tun kannst, wirkt leiser und länger: Sorg dafür, dass die Zeit bei Dir attraktiver ist als jeder Bildschirm. Ein Kind, das bei Oma und Opa sägen, backen oder im Garten graben darf, fragt von allein weniger nach dem Tablet. Das ist keine Erziehung, das ist Konkurrenz — und in dieser Disziplin bist Du unschlagbar, weil Du etwas hast, das kein Gerät bietet: Zeit für ein einzelnes Kind.
Grenzt sich das von der Trotzphase ab? Ja, und zwar deutlich. Ein Kind, das schreit, weil das Tablet ausgeht, ist nicht im Trotz — es wird aus etwas herausgerissen, das seine Aufmerksamkeit vollständig gebunden hat. Der Umgang damit ist ein anderer: ankündigen statt abschalten. Fünf Minuten vorher Bescheid geben löst mehr als jede Diskussion danach. Um den echten Trotz geht es in einem eigenen Beitrag, Trotzphase beim Enkel.
Und weil ich es an dieser Stelle sagen soll: Dieser Beitrag verdient nichts. Es gibt hier keine Produktempfehlung und keinen Partnerlink, weil ein Text, der zum Maßhalten rät und gleichzeitig Geräte verkauft, sich selbst widerspräche.
❓ Häufige Fragen zur Bildschirmzeit bei Kindern
Wie viel Bildschirmzeit ist für ein dreijähriges Kind in Ordnung?
Die Weltgesundheitsorganisation nennt für Kinder von zwei bis vier Jahren höchstens eine Stunde am Tag und fügt hinzu: weniger ist besser. Für Kinder unter zwei Jahren empfiehlt sie gar keine sitzende Bildschirmzeit. Wichtiger als die Minutenzahl ist, dass ein Erwachsener dabei ist.
Was ist die 3-6-9-12-Regel?
Eine Merkregel des französischen Psychoanalytikers Serge Tisseron von 2008: kein Bildschirm nebenbei vor 3 Jahren, keine eigene Spielkonsole vor 6, kein eigener Internetzugang vor 9, keine sozialen Netzwerke vor 12. Sie ist eine Fachmeinung, keine Studienlage — aber sie stellt die richtige Frage, nämlich was als Nächstes dran ist statt wie lange.
Was ist ein Mediennutzungsvertrag und was kostet er?
Eine schriftliche Vereinbarung zwischen Kind und Erwachsenem darüber, welche Medien wie lange genutzt werden dürfen. Die Initiativen klicksafe und Internet-ABC stellen dafür unter mediennutzungsvertrag.de ein kostenloses Werkzeug bereit, mit Vorschlägen für Kinder bis 12 Jahre und darüber. Er enthält ausdrücklich auch Regeln für die Erwachsenen.
Dürfen Großeltern eigene Regeln zur Bildschirmzeit aufstellen?
Den Rahmen setzen die Eltern, das ist ihr Erziehungsrecht. Innerhalb dieses Rahmens gestaltest Du den Tag. Strenger sein als die Eltern darfst Du immer — was Du bei Dir zeigst, verantwortest Du. Heimlich mehr erlauben ist dagegen ein Vertrauensbruch und fliegt ohnehin auf.
Wie viele Kinder in Deutschland sind täglich online?
Nach der KIM-Studie 2024 nutzen 54 Prozent der Kinder, die überhaupt online sind, das Internet täglich — 2022 waren es 47 Prozent. Bei den Acht- bis Neunjährigen stieg der Anteil in zwei Jahren von 23 auf 40 Prozent. 46 Prozent der befragten Sechs- bis Dreizehnjährigen besitzen ein eigenes Smartphone.
Mein Enkel bekommt einen Wutanfall, wenn das Tablet ausgeht. Ist das Trotz?
Meistens nicht. Das Kind wird aus etwas herausgerissen, das seine Aufmerksamkeit vollständig gebunden hat. Kündige das Ende fünf Minuten vorher an, statt einfach abzuschalten — das löst mehr als jede Diskussion hinterher.
Wie spreche ich meine Enkel auf ihre Handynutzung an, ohne dass Streit entsteht?
Am besten, indem Du über Deine eigenen Wünsche sprichst statt Vorwürfe zu machen, etwa: „Ich freue mich, dass wir heute alle zusammen sind, und würde gerne etwas mit dir unternehmen.“ Frag dann, worauf Dein Enkel Lust hätte. So wird aus der Aufforderung, das Handy wegzulegen, eine Einladung.
Warum ziehen sich Enkel bei Familienfesten aufs Handy zurück?
Familienfeste können anstrengend sein: viele Menschen, lange Gespräche, die Erwartung, sich mit allen zu beschäftigen. Manche langweilen sich, andere weichen unangenehmen Fragen aus. Rückzug heißt deshalb nicht automatisch Desinteresse. Oft hilft es, eine Pause zu erlauben und die Enkel selbst entscheiden zu lassen, wann sie wieder dazukommen.
Quellen
Worauf sich die Angaben in diesem Beitrag stützen, abgerufen am 7. August 2026:
- Weltgesundheitsorganisation (WHO) — Leitlinien zu körperlicher Aktivität, sitzendem Verhalten und Schlaf für Kinder unter fünf Jahren, 2019 — hier in der Zusammenfassung der Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung.
- Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest, KIM-Studie 2024 — Befragung von 1.225 Kindern zwischen 6 und 13 Jahren und ihrer Hauptbezugsperson, 18. September bis 7. November 2024. Zahlen zitiert nach der Auswertung des Internet-ABC.
- klicksafe und Internet-ABC — Mediennutzungsvertrag — kostenloses Online-Werkzeug unter mediennutzungsvertrag.de, mit Regelvorschlägen für Kinder bis 12 Jahre und darüber.
- Serge Tisseron, 3-6-9-12-Regel — Erstmals 2008 aufgestellt und seither überarbeitet. Wiedergabe nach der Darstellung des Elternmagazins Fritz+Fränzi.
Zahlen zur Mediennutzung veralten schnell. Ich prüfe diesen Beitrag einmal im Jahr nach.
Rubrik Enkelkinder verstehen
Alle Beiträge zu Persönlichkeit, Gesundheit und Alltag
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