Ein eingepacktes Geschenk mit Schleife liegt unversandt auf einem Tisch neben einer geschriebenen Karte – wenn Großeltern keinen Kontakt zum Enkelkind haben

Das Geschenk ist gekauft. Und dann steht man da und weiß nicht, ob man es abschicken soll.

Der Geburtstag steht vor der Tür. Weihnachten. Die Einschulung. Und Du weißt nicht, ob Dein Geschenk ankommt — oder ob es zurückkommt. Oder ob es alles noch schlimmer macht. Diese Frage stellen sich mehr Großeltern, als Du denkst, und kaum jemand spricht darüber. Hier ist meine ehrliche Antwort.

Schwere Zeiten

von Jürgen Busch
Teil des Themas Familienkonflikte · Stand: 14.07.2026
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Kurz gesagt

Schick nichts Großes. Ein teures Paket wirkt wie Druck oder wie ein Versuch, das Kind zu kaufen — und wird oft ungeöffnet zurückgeschickt. Das trifft Dich dann doppelt.

Schick eine Karte. Kurz, warm, ohne Forderung. Und leg das eigentliche Geschenk zur Seite — mit Datum, in eine Kiste. Wenn Dein Enkelkind eines Tages vor Dir steht, hältst Du damit die Jahre in Händen, in denen Du nicht aufgehört hast, an es zu denken.

❓ Die Frage hinter der Frage

Wer nach einem Geschenk für ein Enkelkind sucht, zu dem der Kontakt abgebrochen ist, sucht meistens gar kein Geschenk. Er sucht einen Weg zurück. Und er hofft, dass das Paket ihn öffnet.

Ich muss Dir das nehmen: Das tut es nicht. Kein Geschenk der Welt hat je eine verschlossene Tür geöffnet. Was Geschenke können, ist, eine offene Tür offen zu halten. Und was sie ebenfalls können — und das übersehen die meisten —, ist, eine halb geschlossene Tür ganz zuzuwerfen.

Denn so kommt ein großes Paket auf der anderen Seite an: als Druck. Als Versuch, das Kind zu kaufen. Als Beweis, dass Oma und Opa die Grenze nicht respektieren. Selbst wenn Du es rein aus Liebe schickst — gelesen wird es anders. Das ist bitter, aber es ist die Wirklichkeit, und wer sie kennt, macht weniger falsch.

🔀 Drei Fälle — und was jeweils gilt

Es gibt keine Antwort für alle. Es kommt darauf an, wie lange der Kontakt ruht und wie alt Dein Enkelkind ist. Such Dir Deinen Fall.

Fall 1

Der Bruch ist frisch — die Wunde ist offen

Der Streit liegt Wochen oder wenige Monate zurück. Es ist Wut im Spiel, auf beiden Seiten. In dieser Phase wird alles, was Du schickst, als Zug im Konflikt gelesen — auch das, was liebevoll gemeint ist.

Was Du tun solltest: Schick nur eine Karte. Kein Paket, kein Geld, keine Blumen an die Mutter. Und die Karte enthält keine Bitte, keine Frage, keinen Vorwurf. Nur: „Ich denke an Dich. Alles Liebe, Opa.“ Mehr nicht. Alles Weitere kommt später — oder gar nicht.

Fall 2

Es herrscht seit Jahren Funkstille

Keine Antwort auf Karten, keine Reaktion, vielleicht kamen Sendungen sogar zurück. Es hat sich nichts bewegt — und es sieht auch nicht danach aus.

Was Du tun solltest: Hör auf zu schicken. Nicht aus Trotz, sondern weil es nichts bewirkt und Dich jedes Mal aufs Neue verletzt. Stattdessen: Die Kiste (weiter unten). Sie ist der Weg, weiter zu schenken, ohne zu senden. Und schreib weiter — für später, nicht für jetzt.

Fall 3

Das Enkelkind ist alt genug, selbst zu entscheiden

Ab etwa vierzehn, spätestens ab sechzehn ändert sich alles. Jugendliche haben ein eigenes Handy, eine eigene Meinung — und sie merken, wenn ihnen jemand etwas vorenthält.

Was Du tun solltest: Wende Dich direkt an das Kind, nicht mehr über die Eltern. Eine Karte an seinen Namen. Aber: Umgeh die Eltern nicht heimlich. Kein Geheimnis mit dem Kind, keine Botschaften über Freunde, kein „Sag’s nicht Mama“. Damit machst Du das Kind zum Mitwisser gegen seine Eltern — und genau das ist es, was ihm schadet und was Dir am Ende angelastet wird.

📦 Die Kiste: das Geschenk, das wartet

Das ist der Rat, den ich am häufigsten gebe — und der bei Großeltern am meisten löst. Denn er beantwortet die Frage, die hinter allem steht: Wohin mit der Liebe, die keinen Empfänger hat?

So geht es:

  • Kauf das Geschenk trotzdem. Genau das, was Du geschenkt hättest. Nicht irgendetwas — das, was zu dem Kind passt, das Du kennst.
  • Pack es ein. Mit Papier, mit Schleife, so, als würdest Du es überreichen.
  • Schreib das Datum drauf. Und den Anlass: „8. Geburtstag“. „Weihnachten 2026″.
  • Leg einen Zettel dazu. Zwei, drei Sätze: Warum dieses Geschenk? Woran hast Du gedacht? Was war an dem Tag?
  • Und dann: in die Kiste. Ein Karton auf dem Dachboden, im Schrank, im Keller. Jedes Jahr eines mehr.
👉 Warum das wirkt: Erstens nimmt es dem Kaufimpuls die Verzweiflung — Du darfst schenken, Du musst nur nicht senden. Zweitens: Wenn Dein Enkelkind mit achtzehn, mit zwanzig, mit fünfundzwanzig vor Dir steht und diese Kiste sieht, brauchst Du kein einziges Wort zu Deiner Rechtfertigung. Die Kiste redet für Dich. Kein Gerichtsbeschluss der Welt kann das leisten.

Und die ehrliche Wahrheit dazu: Vielleicht kommt dieser Tag nie. Vielleicht öffnet die Kiste niemand. Aber sie hat dann trotzdem etwas getan — sie hat Dir all die Jahre einen Ort für Deine Liebe gegeben, statt sie im Kreis laufen zu lassen. Das ist nicht wenig.

💶 Geld anlegen statt Pakete schicken

Die zweite Möglichkeit, weiter zu schenken, ohne jemandem etwas aufzudrängen: Leg das Geld an, das Du sonst ausgegeben hättest. Jeden Geburtstag, jedes Weihnachten ein Betrag.

Zwei Wege stehen offen — und sie unterscheiden sich in einem entscheidenden Punkt:

  • Ein Konto oder Depot auf Deinen eigenen Namen, innerlich für das Enkelkind bestimmt. Du bleibst Eigentümer, Du behältst die Kontrolle, und Du brauchst niemanden um Erlaubnis zu fragen. Das ist bei Kontaktabbruch der praktikable Weg.
  • Ein Konto auf den Namen des Kindes ginge steuerlich günstiger — aber dafür brauchst Du die Unterschrift der Eltern. Bei abgebrochenem Kontakt ist das in aller Regel ausgeschlossen. Rechne nicht damit.
Kein Finanztipp, sondern ein Hinweis: Ob Sparbuch, Tagesgeld oder ein ETF-Sparplan — das hängt vom Zeithorizont ab und ist eine Frage, die Du mit Deiner Bank oder einer unabhängigen Beratung klären solltest. Ich bin kein Anlageberater. Mehr zum Thema findest Du in meiner Rubrik Finanzen.

Und wenn Du testamentarisch etwas regeln willst — das geht ohnehin unabhängig davon, ob Kontakt besteht. Wie Du ein Enkelkind als Erben einsetzt, habe ich an anderer Stelle beschrieben.

✉️ Die Karte — und was hineingehört

Eine Karte ist das Einzige, was fast immer durchkommt. Sie ist klein, sie fordert nichts, sie lässt sich nicht als Angriff lesen. Sie kostet zwei Euro und wirkt mehr als jedes Paket.

Aber sie muss leer sein von allem, was Druck macht. Kein „Wir vermissen Euch so“. Kein „Meldet Euch doch mal“. Keine Frage, die eine Antwort verlangt. Drei Beispiele, die funktionieren:

„Lieber Leon,
heute wirst Du acht. Ich denke an Dich — heute besonders.
Alles Liebe, Dein Opa“

„Liebe Mia,
ein schönes Weihnachtsfest wünschen wir Dir. Wir denken an Dich, jedes Jahr.
Oma und Opa“

„Lieber Jonas,
alles Gute zum ersten Schultag. Ich bin sehr stolz auf Dich.
Dein Opa“

Merkst Du, was fehlt? Jede Bitte. Jede Klage. Jeder Hinweis darauf, dass etwas nicht stimmt. Das Kind soll nicht die Last tragen, dass da etwas nicht stimmt — das ist Sache der Erwachsenen. Und die Eltern, die die Karte lesen, bevor das Kind sie bekommt, finden nichts, woran sie sich stoßen könnten. Genau das ist der Punkt.

👉 Verlässlich, nicht ständig: Zwei, drei feste Anlässe im Jahr — Geburtstag, Weihnachten, vielleicht die Einschulung. Nicht jede Woche eine Nachricht. Verlässlichkeit wirkt; Bedrängen schreckt ab.

🚫 Fünf Fehler, die alles verschlimmern

  • Das teure Geschenk. Das Fahrrad, das Handy, die große Summe. Es sieht aus wie ein Versuch, das Kind zu kaufen — und die Eltern werden es genau so lesen. Es wird zurückgehen.
  • Der Brief in der Karte. Wenn zwischen den Zeilen steht, wie sehr Du leidest, wird das Kind zum Tröster gemacht. Das darf ein Kind nicht sein.
  • Ein Wort gegen die Eltern. Nirgendwo, niemals, auch nicht angedeutet. Es ist nicht nur menschlich falsch — es ist auch das Argument, mit dem Gerichte Großeltern am häufigsten scheitern lassen.
  • Der heimliche Weg. Über Freunde, über die andere Oma, über Instagram. Es kommt heraus, und dann hast Du das Vertrauen, das noch da war, endgültig verspielt.
  • Aus Kränkung aufhören und es dem Kind anlasten. „Wenn die sich nicht melden, bekommen sie eben nichts.“ Verständlich — aber es straft das Kind für etwas, das die Erwachsenen angerichtet haben.

💬 Mein Rat als Opa

Ich habe fünf Enkel und darf sie sehen. Ich weiß, dass ich damit ein Glück habe, das nicht selbstverständlich ist — und dass jedes Wort von mir zu diesem Thema demütig sein muss.

Was ich aber sagen kann: Das Geschenk ist nicht das Problem. Wer nach einem Geschenk sucht, sucht einen Weg zurück — und der führt nicht über das Paket, sondern über die Eltern. Über ein Gespräch, das keinen Vorwurf enthält. Über die Frage: „Was bräuchte es, damit wir uns wiedersehen?“

Und bis dahin: Kauf das Geschenk. Pack es ein. Schreib das Datum drauf. Und stell es in den Schrank. Nicht, weil Du aufgibst — sondern weil Du bleibst.

❓ Häufige Fragen

Soll ich meinem Enkelkind bei Kontaktabbruch überhaupt noch etwas schenken?

Schick keine großen Geschenke — sie wirken wie Druck und kommen oft zurück. Eine kurze, warme Karte ohne Forderung ist der einzige Weg, der fast immer ankommt. Das eigentliche Geschenk legst Du besser zur Seite: eingepackt, mit Datum, in eine Kiste. So schenkst Du weiter, ohne jemandem etwas aufzudrängen.

Was schreibe ich in die Karte, ohne Druck zu machen?

Kurz, warm, ohne Bitte um Antwort und ohne ein Wort über die Eltern. Zum Beispiel: „Lieber Leon, heute wirst Du acht. Ich denke an Dich — heute besonders. Alles Liebe, Dein Opa.“ Kein „Meldet Euch doch mal“, keine Klage, keine Frage. Das Kind darf nicht zum Tröster der Erwachsenen werden.

Darf ich Geld für mein Enkelkind anlegen, wenn kein Kontakt besteht?

Ja — auf Deinen eigenen Namen, innerlich für das Kind bestimmt. Ein Konto auf den Namen des Kindes wäre steuerlich günstiger, setzt aber die Unterschrift der Eltern voraus; bei Kontaktabbruch ist das meist ausgeschlossen. Zur Anlageform berate ich nicht — sprich mit Deiner Bank oder einer unabhängigen Beratung.

Was mache ich, wenn Geschenke zurückgeschickt werden?

Hör auf zu senden. Nicht aus Trotz, sondern weil es nichts bewirkt und Dich jedes Mal neu verletzt. Leg die Geschenke stattdessen in die Kiste — mit Datum und einem kurzen Zettel. Und schick weiterhin die Karte: Sie ist klein genug, dass sie meist ankommt.

Mein Enkelkind ist schon ein Teenager — darf ich es direkt anschreiben?

Ja, direkt an seinen Namen. Aber umgeh die Eltern nicht heimlich: keine Geheimnisse, keine Botschaften über Freunde, kein „Sag’s nicht Mama“. Sonst machst Du das Kind zum Mitwisser gegen seine Eltern — das schadet ihm und wird Dir angelastet.

Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung, keine Rechts- und keine Anlageberatung. Bei anhaltendem seelischem Leid wende Dich bitte an Deinen Hausarzt, eine Beratungsstelle oder die Telefonseelsorge: 0800 111 0 111 · 0800 111 0 222 · 116 123 — rund um die Uhr, kostenlos, anonym.

Autor: Jürgen Busch · Themenschwerpunkt: Familie · Stand: Juli 2026.