Klassenzimmer der 1950er-Jahre mit Schiefertafel, Griffel und Fibel

Wie ich in den 1950er-Jahren lesen lernte – mit Schiefertafel, Griffel und meiner ersten Fibel. Eine kleine Zeitreise für meine Enkel. Aus eigenem Erleben.

*Werbung: Einige Links auf dieser Seite sind Affiliate-Links. Kaufst Du über einen solchen Link ein, erhalte ich eine kleine Provision. Für Dich ändert sich der Preis nicht.

Jürgen Busch

Beitrag von Jürgen Busch
AKTUALISIERT AM 07.06.2026 · BIOGRAFIE

Meine Enkel staunen jedes Mal, wenn ich erzähle, wie ich damals lesen gelernt habe. Kein Tablet, keine bunte Lern-App – sondern eine Schiefertafel, ein Griffel und eine Fibel. Wie das Lesen lernen früher, in den 1950er-Jahren, wirklich war, möchte ich hier festhalten – als ein Stück meiner Geschichte für die Familie, passend in meinen Biografie-Bereich. Und ganz nebenbei zeigt der Blick zurück, wie sehr sich der Weg zum ersten gelesenen Wort verändert hat.

📅 Der erste Schultag: Schultüte, Ranzen und ein langer Weg

Mit sechs Jahren wurde man eingeschult – das war Gesetz. Und natürlich gab es eine Schultüte, mancherorts Zuckertüte genannt. Dieser schöne Brauch hatte sich seit der Jahrhundertwende von den Städten aufs Land ausgebreitet, sodass in den 1950er-Jahren kaum ein ABC-Schütze ohne die bunte Tüte zur Schule kam. Dazu der erste eigene Lederranzen auf dem Rücken, oft ein Leben lang in Erinnerung.

Der Schulweg war für viele kein Katzensprung: Auf dem Land waren mehrere Kilometer zu Fuß keine Seltenheit – ein Bus fuhr nicht, ein Fahrrad hatte man nicht. Und in der Klasse saßen wir oft zu vierzig und mehr Kindern, ein einziger Lehrer für alle. Wie unterschiedlich das zur Einschulung von heute ist, merkt man schon an unseren Einschulungs-Glückwünschen.
Mehr aus meiner Schulzeit erzähle ich im Beitrag Meine Schulzeit.

✏️ Schiefertafel, Griffel und Schwämmchen

Geschrieben wurde nicht auf Papier, sondern auf der Schiefertafel. Zur Grundausstattung gehörten Tafel, Griffel, ein Schwämmchen und ein Lappen – fein säuberlich am Ranzen befestigt. Auf Schönschrift wurde großer Wert gelegt, und der Vorteil der Tafel war: Was nicht ordentlich genug war, ließ sich sofort wegwischen und neu üben.

Die kleinen Tafeln waren allerdings zerbrechlich. Mancher erinnert sich noch an den Schreck, wenn sie auf dem Heimweg zu Bruch ging. Erst um 1960 löste Kunststoff den dünnen Schiefer ab, und bis in die Mitte der 1960er-Jahre schrieben die jüngeren Jahrgänge mit Griffel und Tafel. Später kamen Federhalter und Tinte dazu – mit Tintenfass im Pult, Löschblatt und der ständigen Gefahr eines Kleckses.

📖 Die Fibel: mein erstes eigenes Buch

Das erste Buch, das ein Kind besaß, war die Fibel – das Lesebuch für Schulanfänger. Die Fibel hat eine lange Geschichte, die rund fünfhundert Jahre zurückreicht. Meine eigene hieß „Bunte Welt“ und erschien im Hamburger Verlag Heinrich Ellermann. Sie war voller Bilder, und an ihnen entlang lernten wir die ersten Wörter – ein sorgsam aufgebauter, überschaubarer Wortschatz, Schritt für Schritt.

Eine Besonderheit der Nachkriegszeit: Die Fibeln wurden nicht einfach gedruckt. Sie mussten nach dem Krieg von der alliierten Kontrollkommission geprüft und zugelassen werden. Wer noch alte Schulbücher auf dem Dachboden hat, findet darin echte Schätze – ich zeige einige davon in meinem Beitrag Schulhefte und Schulbücher aus meiner Schulzeit.

🔤 Ganzwort oder Buchstabieren? Der große Methodenstreit

Wie genau man Kindern das Lesen beibringt, war in den 1950er-Jahren heftig umstritten. Zwei Lager standen sich gegenüber:

  • Die alte Buchstabier- oder Lautiermethode: Buchstabe für Buchstabe wird erlesen und dann zusammengelautet – aus „M-a-m-a“ wird „Mama“.
  • Die neue Ganzheits- oder Ganzwortmethode: Das Kind prägt sich ganze Wortbilder ein, etwa „Oma“. Im nächsten Schritt vergleicht es Wörter – „oMa“ und „oPa“ – und gewinnt daraus die einzelnen Buchstaben.

Die Ganzheitsmethode breitete sich Mitte der 1950er-Jahre rasch aus. Der Streit zwischen den „Synthetikern“ und den Verfechtern des ganzheitlichen Lesens wurde über Jahre erbittert geführt und erreichte Anfang der 1960er-Jahre seinen Höhepunkt. Meine „Bunte Welt“ ging übrigens einen Mittelweg – sie war als analytisch-synthetische Fibel angelegt und verband beide Wege.

Wie man heute, viel entspannter, mit den Enkeln lesen übt, beschreibe ich im Beitrag Lesen lernen mit Großeltern.

Die empfohlene Ausgangsschrift
Die damals von der Schulbehörde empfohlene Ausgangsschrift

🖋️ Schönschrift und die neue Schreibschrift

Lesen und Schreiben gingen Hand in Hand – und auf das Schönschreiben wurde besonders geachtet. Endlose Schwungübungen, gleichmäßige Buchstaben, saubere Hefte: Eine krakelige Schrift galt als Nachlässigkeit. Ein Tintenklecks im Heft konnte einem den ganzen Tag verderben.

In diese Zeit fiel auch eine Neuerung: 1953 wurde in der Bundesrepublik die Lateinische Ausgangsschrift als verbindliche Schreibschrift eingeführt. Wer heute die alten Hefte seiner Eltern oder Großeltern anschaut, erkennt daran oft sofort, aus welchem Jahrzehnt sie stammen.

📏 Chorlesen, Auswendiglernen – und der Rohrstock

Der Unterricht war streng und der Ton ein anderer als heute. Gelesen wurde oft im Chor, vieles wurde auswendig gelernt, und im Kopf gerechnet. Disziplin stand über allem.

Dazu gehört auch eine unschöne Wahrheit, die man den Enkeln ruhig ehrlich erzählen darf: Körperstrafen waren erlaubt. „Tatzen“ mit dem Stock auf die Handfläche oder Schläge auf den Hosenboden kamen vor – die Prügelstrafe an Schulen wurde erst 1973 gesetzlich verboten. Gerade dieser Unterschied zu heute macht Kindern oft am meisten Eindruck, wenn Opa von früher erzählt.

🛒 Erinnerungsstücke zum Anfassen

Wer das Gefühl von damals für die Enkel ein wenig lebendig machen möchte, findet schöne Stücke zum Ausprobieren und Schmökern:

Schiefertafel mit Griffel – wie damals

Eine echte Schiefertafel mit Griffel und Schwämmchen. Wunderbar, um den Enkeln zu zeigen, wie wir früher das Schreiben geübt haben – und ein Riesenspaß zum Ausprobieren.

* Werbung

Schiefertafel ansehen

Historische Fibel als Nachdruck

Viele alte Fibeln und Lesebücher gibt es heute als Reprint. Beim Durchblättern werden Erinnerungen wach – und die Enkel sehen, wie das erste Lesebuch von Opa ausgesehen hat.

* Werbung

Fibel-Nachdruck ansehen

💡 Großvater-Tipp

Mach aus dem Rückblick ein Erlebnis für die Enkel

Hol Deine alte Fibel oder ein altes Schulheft vom Dachboden und blättere gemeinsam mit Deinen Enkeln darin. Besorgt euch eine Schiefertafel und probiert das Schreiben mit dem Griffel aus – das begeistert garantiert.

Und erzähl Deine eigene Einschulungsgeschichte: den langen Schulweg, die Schultüte, den strengen Lehrer.
Genau solche Geschichten bleiben den Kindern im Gedächtnis – viel besser als jede Jahreszahl.
Die Fibel von Opa aus dem Jahre 1952
Die Fibel von Opa aus dem Jahre 1952
(Hinweis: das Buchcover ist aus urheberrechtlichen Gründen neu illustriert)

❓ Häufige Fragen: Lesen lernen früher

Mit welchem Buch lernten Kinder in den 1950er-Jahren lesen?

Mit der Fibel – dem ersten Lesebuch für Schulanfänger. Sie führte mit vielen Bildern und einem behutsam aufgebauten Wortschatz ans Lesen heran. Eine bekannte Fibel jener Zeit war zum Beispiel „Bunte Welt“ aus dem Verlag Heinrich Ellermann.

Was ist die Ganzwortmethode?

Bei der Ganzwort- oder Ganzheitsmethode prägt sich das Kind ganze Wortbilder ein – etwa „Oma“ – statt Buchstabe für Buchstabe zu erlesen. Durch das Vergleichen ähnlicher Wörter werden später die einzelnen Buchstaben gewonnen. Diese Methode verbreitete sich in Deutschland ab Mitte der 1950er-Jahre.

Womit schrieb man in der Schule der 1950er-Jahre?

Anfangs mit Griffel auf der Schiefertafel, dazu Schwämmchen und Lappen zum Wegwischen. In den höheren Klassen kam das Schreiben mit Federhalter und Tinte hinzu. Griffel und Schiefertafel waren bis in die Mitte der 1960er-Jahre üblich.

Wann wurde die Prügelstrafe an deutschen Schulen verboten?

Die körperliche Züchtigung an Schulen wurde in der Bundesrepublik erst 1973 gesetzlich verboten. Bis dahin waren Schläge mit dem Stock oder „Tatzen“ auf die Hand erlaubt – ein deutlicher Unterschied zur Schule von heute.

Wann lernten Kinder die lateinische Schreibschrift?

1953 wurde in der Bundesrepublik die Lateinische Ausgangsschrift als verbindliche Schreibschrift eingeführt. An der Schrift in alten Heften lässt sich deshalb oft ablesen, aus welchem Jahrzehnt sie stammen.

Mehr aus meinem Leben und für die gemeinsame Zeit mit den Enkeln: Meine Schulzeit, der Ratgeber Lesen lernen mit Großeltern und weitere Anregungen zum Lernen mit den Enkeln.

🎁 Mehr aus dem Großvater-Universum

Erinnerungen, Schule früher und gemeinsames Lernen

📚

Meine Schulzeit

Von der Einschulung an

📓

Schulhefte & -bücher

Echte Schätze von damals

🎒

Einschulung

Glückwünsche von Oma & Opa

📖

Lesen lernen

Mit Großeltern, ganz ohne Druck

Aus dem Themenschwerpunkt: Biografie

Inhalt des Beitrages auf Richtigkeit überprüft am 7. Juni 2026.