Enkeltochter und Enkelsohn - Unterschiede

Jungen und Mädchen

Wie wir mit den kleinen Unterschieden gut leben können

Meine Oma war ein glühender Fußballfan. Sie saß fiebernd in der ersten Reihe vor ihrem Farbfernseher, einer riesigen Kiste. Und sie schimpfte wie ein Rohrspatz, wenn gegnerische Abwehrspieler „ihren“ deutschen oder Stuttgarter Fußballhelden hart zusetzten. Und wenn „ihre Jungs“ ein Tor schossen, jubelte sie so, dass vom Fernsehbild nichts mehr zu sehen war… Mit Oma Fußball gucken war das Größte!

Zur Zeit schauen wir wieder gerne Fußball. Egal ob Deutsche, Kroaten, Italiener, Spanier, Österreicher, Dänen oder Briten: Männer gucken häufiger Fußball als Frauen. Und Jungs in der Regel lieber als Mädchen. Kann sein, dass sich das mit der Zeit mal ändert. Warum auch nicht? Aber vorerst haben die Jungs sowohl beim Fußballspielen als auch beim Fußballgucken die Nase vorn. Kinder orientieren sich an dem, was die Erwachsenen tun.

Angeboren oder anerzogen?

Immer wieder wird spekuliert, inwieweit unser Verhalten als Männer oder Frauen genetisch programmiert ist. Und wie viel daran wir durch Erziehung verändern können. Emanzipierte Mütter meiner Generation (Ü60) verzweifelten oft an ihren Jungs und den eigenen Erziehungsidealen. Obwohl alles Mögliche an Spielzeug da war, und frau um nichts in der Welt noch eine Generation Machos erziehen wollte: Die Jungs wählten zielstrebig „den Bagger“ oder „den Tiger“. Es waren auch Puppen im Angebot, Kühe und eine Hochzeitskutsche. Aber die waren schnell mal zweite Wahl. Später kamen dann Ritter mit Kanonen oder Cowboys mit Pistolen dazu. Und ein solides Repertoire an Kraftausdrücken. Nicht bei allen Jungs. Aber bei vielen.

Mir ging‘s übrigens mit meinen Töchtern manchmal ähnlich. Trotzdem, dass Pippi Langstrumpf und Ronja Räubertochter zu meiner Zufriedenheit sehr beliebte Bücher bei meinen Mädels waren, irgendwann wollte ich gegen die Wünsche nach Barbies, pink und lila Klamotten, Diddelmäusen und Glitzerzeug nicht mehr ankämpfen. Wäre auch sinnlos gewesen. Und mit dreizehn verkündete die eine: „Papa, wenn ich so eine Nase kriege wie Du, lasse ich sie richten.“
Fakt ist: Die Umgebung, die Gesellschaft, in der wir uns alle bewegen, die Medien und die anderen Jungs und Mädchen in Kita und Schule prägen unsere Kinder – und umgekehrt.

Auch meine Enkel und Fina, die derzeit einzige Enkelin, verhalten sich sehr oft, wie man es von Jungs oder Mädchen erwartet. Fina modelliert im Sandkasten mit Hingabe und Vergnügen Eiskugeln auf Tüten und kocht Suppen mit Sand, Wasser und Kräutern. Moritz und Felix nützen mehr den Laster und neuerdings den Betonmischer, der in der Nachbarschaft ausgemustert wurde. Moritz schaufelt auch schon mal richtig tiefe Löcher.
Es ist wie im richtigen Leben. Und ich denke mir: Solange in den Küchen häufiger Frauen tätig sind und auf Baustellen häufiger Männer, wird das auch ungefähr so bleiben. Mit originellen Mischungen übrigens: Dem zweijährigen Samuel hatte es neulich das „lila Auto“ angetan, dass er unter unseren Spielsachen fand …

Kinder schauen sich vieles bei Erwachsenen ab

Die Gleichberechtigung von Männern und Frauen wird nicht im Sandkasten entschieden. Und auch nicht auch an der Frage, wer mit Puppen, Eisenbahn, Spielzeugherd oder Sauriern spielt. Umgekehrt wird eher ein Schuh draus!
Was wir, und viele andere erwachsene Männer um uns herum tun, wird unsere Jungs prägen. Auch die Lust am Fußball. Wichtig ist, dass daraus keine Pflichtübung wird! Dass ein Junge, der Fußball blöd findet und schlecht kickt, nicht schlecht gemacht wird. Und das passiert natürlich. Seltener vielleicht, als vor fünfzig Jahren, aber immer noch viel zu oft.

Und da kommt jetzt Opa ins Spiel: Du, als erwachsener und erfahren Mann, kannst Deinen Enkeljungs den Rücken stärken. Gerade dann, wenn sie sich im Kräftemessen mit anderen Jungs unterlegen fühlen, oder in der Schule schlecht dastehen, kannst Du ihnen das Gefühl geben: „So, wie Du bist, ist es gut.“ „Ich mag Dich – und alles andere wird schon wieder.“

Du kannst mit ihnen die Sachen tun, die sie gerne machen. Und dabei immer wieder mal die Grenzen klassischer Männerrollen erweitern. Mit Opa was backen oder kochen – ein super Projekt!

Und auch wenn Deine Enkel Dich nur nebenbei in der Küche etwas aufräumen sehen, oder Du mit ihnen den Tisch abräumst: So lernen die Jungs, dass einem Mann dabei kein Zacken aus der Krone bricht. Schmutzwäsche sortieren, Waschmaschine programmieren, passende Socken zusammensuchen, Boden wischen, Töpfe spülen…
Wenn Opa das macht – und andere erwachsene Männer auch – dann ahnt ein Junge: Auch das ist Männersache. Nicht nur Akkuschrauber und Rasenmäher.

Genauso wichtig ist es, Mädchen dabei zu unterstützen, wenn sie ungewöhnliche Ideen haben. Mein Eindruck ist: Bei Mädchen gelingt uns das mittlerweile schon leichter. Da geht mein großes Dankeschön an Astrid Lindgren, die vor vielen Jahren schon mit Pippi und Ronja den Mädchen kraftvolle Begleiterinnen geschaffen hat. Mit Hermine Granger, der Freundin von Harry Potter, haben die beiden übrigens eine würdige Mitstreiterin gefunden.
Gut ist, wenn dann kleine Mädchen auf dem Spielplatz zum Toben und Klettern auch robuste Hosen anhaben. Die Prinzessin kann ja dann abends noch ihren Auftritt haben, wenn sie mag ;-)

Als Opa bist Du Vorbild

Der Opa ist für die Enkeljungs ein Vorbild, ein mögliches Modell in Sachen Männlichkeit. An dem können sie sich orientieren, oder sich von ihm abgrenzen. Manche Jungs suchen ganz gezielt die Nähe von Männern. Felix will manchmal nur dann zu uns kommen „wenn der Opa auch da ist“. Dabei macht die Oma viele schöne Sachen mit ihm. Es ist schon ein bisschen ungerecht. Und es liegt wahrscheinlich daran, dass Felix, trotzdem sein Papa sich viel um ihn kümmert, im Kindergartenalltag fast nur auf Frauen trifft. Bei vielen Jungs erleben wir dann eine „Sehnsucht nach Männern“.
Deswegen können sie auch stundenlang Bauarbeitern bei der Arbeit zuschauen. Oder dem Bauern bei der Feldarbeit. Viele Jungs stillen diese Sehnsucht auch über männliche Figuren in Büchern und anderen Medien. Super-, Bat- und Spiderman lassen grüßen. Auch im Fußball finden sie „starke Typen“. Und wenn sie sich dann das Trikot von Mbappé, Ronaldo oder Goretzka wie eine zweit Haut überziehen, haben sie symbolisch Anteil an deren Stärke und Größe.

Dein Vorteil ist: Du bist echt.

Im Vergleich zu diesen Medienhelden hat der Opa drei große Vorteile: Er ist a) in Reichweite, b) ist er meist kein Überflieger, sondern hat gute und schwierige Seiten. Das fördert ein realistisches Männerbild. Und c) kann man den Opa mit allen Sinnen erleben – nicht nur auf Bildschirmen.

Für Mädchen sieht Opas Aufgabe ein bisschen anders aus: In Sachen weibliche Vorbilder oder Lebensmodelle sind sie ja in der Regel gut versorgt. Angefangen von der Mama, die häufiger daheim ist, über die Erzieherinnen bis zu den Grundschullehrerinnen, erleben sie viele Facetten von Frau-Sein. Oft ist der Opa – nach  dem Papa – der zweite Mann im Leben der Enkeltochter. Oder der dritte. Und wenn es gut geht, lernt ein Mädchen an und mit ihren Opas, wie sich Männer ganz konkret anfühlen können. Dass Männer ganz normale und unterschiedliche Menschen sind, wie Frauen auch. Mit guten und schlechten Tagen, fröhlichen und traurigen Stimmungen, mit Kraft und mit Müdigkeit – und tausend Facetten dazwischen.
Wenn Mädchen das erleben, haben die unrealistischen Versprechungen von Märchenprinzen auf weißen Rössern oder in schicken Cabrios weniger Chancen.

Hinzu kommt, dass die Wertschätzung und Anerkennung, die ein Mädchen zunächst durch ihren Vater, in zweiter Reihe dann auch durch ihren Großvater erfährt, gut für das Selbstwertgefühl des Mädchens ist.
Und damit kommen wir zu einem Punkt, den ich immer wieder betonen möchte:

Sei einfach Opa!

Sei möglichst unbeschwert der Mann, der Du bist!

Sei, wenn das möglich ist, für Deine Enkel-Jungs und Enkel-Mädchen in Reichweite und nimm Dir, wenn sie das mögen, Zeit für sie!

Stärke Deinen Enkeln den Rücken! Wenn sie sich in Deiner Nähe angenommen, respektiert und wohl fühlen, können sie sich gut entfalten.

Viel Freude dabei!

Hier kannst du weitere Gastbeiträge von Tilman Kugler lesen:

Unsere Kategorien: