Opas Sachen sind interessant Opas Sachen sind interessant – hier eine mechanische Schreibmaschine

„Was ist das, Opa?“
Warum Opas Sachen so interessant sind – und umgekehrt(!)

In unserer Wohnung steht ein Bücherschrank von meinem Opa. Über hundert Jahre alt (der Schrank;-) und x-mal umgezogen. Aber immer noch schön! Opas Schreibtisch ist bereits zu meiner Tochter weiter gewandert, der Urenkelin.
Opas Möbel verkörpern Geschichte. Und mit dieser Familiengeschichte sind viele Geschichten verbunden. Der Opa, von dem hier die Rede ist, war Volksschullehrer. Und Sonntags hat er in der Kirche Orgel gespielt. Wie der Lehrer Lempel in Wilhelm Buschs „Max und Moritz“. Geraucht hat mein Opa übrigens auch. Aber von einer Explosion – wie bei Max und Moritz – ist nichts überliefert. ;-)

Auf der Oberfläche des alten Schreibtischs hat es einige Farb- und Werkzeugspuren. Der Schreibtisch diente offensichtlich auch als Tisch zum Basteln und als Werkbank zum Werken.

Mein Opa konnte zum Beispiel Bücher binden. Mit Leim, Farbe, Leinenband, schönem Papier und Pappe, Nadel und Faden. Und mit Schraubzwingen. So hat mein Opa aus Monatszeitschriften Bücher gemacht. Und unsere zerfledderten Kinderbücher hat er auch wieder repariert. Während ich das hier erzähle, wird mein Opa in meiner Erinnerung richtig lebendig …

Wenn heute meine Enkel zu Besuch kommen, machen sie gerne die Schubladen und Türen unserer Schränke auf. Sie sind neugierig, was sich da alles drin verbirgt. Und – in der Tat – neben all den ganz gewöhnlichen Dingen, stoßen die Kinder dabei immer wieder auf Schätze:

Komische Dinge, wie altes, angelaufenes Silberbesteck. Aber – eine Schulblade tiefer – auch interessantes Dekorationsmaterial, das man zum Spielen nutzen kann – viel interessanter, als „normales Spielzeug“. Einem Keramikengel hat das bereits den Flügel gekostet – doch er wird es verkraften. Ist ja ein Engel!
Ganz wichtig ist auch der Teddy-Bär, den der Papa als Kind schon mit ins Bett genommen hat. Der Pezzi-Ball von Opas Schreibtisch oder Omis Hanteln, Asterix-Hefte und zwei selbstgemachte Puppen, die Oma und Opa darstellen …

Telefon mit Wählscheibe
Opas analoges Telefon mit Wählscheibe

Wieso sind die Sachen von Opa (und Oma) so interessant?

Mit den Großeltern bekommen die Enkel ein Gefühl für längere Zeitläufe. Total interessant finden sie es, die Familienalben anzuschauen. Fotos aus der Zeit, in der Papa oder Mama ein Kind waren. Und an Omas Seite – „Iiih! Hast Du da komisch ausgesehen!“ – ein anderer Mann. Dass der Papa einmal ein Kind war, wie sie es heute sind, ist für kleinere Kinder nicht leicht zu verstehen. Der 3 ½-jährige Felix sagt zu seinem Papa auf den Kinderfotos: „Das bin ich!“ Und man kann richtig zuschauen, wie sein kleines Gehirn dabei arbeitet, und versucht, sich einen Reim auf die rätselhaften Dinge zu machen.

Kinder leben ganz in der Gegenwart. Die älteren Kinder in der Kita und Schule zeigen ihnen, wie das Leben in Zukunft weiter gehen könnte. Mit den Fotoalben und den oftmals alten Sachen der Großeltern entdecken die Enkel, dass es auch eine Vergangenheit gibt (mehr Info hierzu Biografiearbeit für Großeltern).

„Erziehen bedeutet, Kindern Wurzeln und Flügel mit zu geben.“ Das soll Goethe mal gesagt haben. Und zu den Wurzeln hast Du als Opa einiges beizutragen. Du kommst aus einer Welt, in der die Autos, Rundfunkgeräte und Klamotten seltsam ausgesehen haben. In der Telefone noch Kabel und – „voll witzig!“ –Wählscheiben hatten. Und keine Foto-Funktion.
Du kommst auch aus einer Zeit, in der die Welt und die Freizeit noch nicht so vollgestopft war mit unzähligen Angeboten und Möglichkeiten. Deswegen können wir Großeltern die Enkel dabei unterstützen, nicht nur zu konsumieren. Kinder sind von Natur aus kreativ, und haben oft eine blühende Phantasie.
Kreativität ist jedoch das Gegenteil von Konsum. In der Kreativität ist das Innerste, die Seele eines Menschen aktiv. Im Erfinden neuer Dinge, Ideen und Gedanken gestalten wir die Welt, die Schöpfung mit.

Dass es auch dem Opa gut tut, in diese kindliche Kreativität einbezogen zu werden, zeigt folgende Episode:
Vor unserer Haustür steht seit Ostern ein „Verjagstock“. Was – noch nie gehört? Dann wird es Zeit! Denn ein Verjag-Stock kann Dir gute Dienste leisten. Ist praktisch unersetzlich… ;-)
Wir waren mit Felix und seinen Eltern im nahen Wald. Auf dem Weg dorthin sahen wir ein Reh zwischen den Bäumen verschwinden. Wir unterhielten uns dann über Tiere, die es im Wald gibt. Und bald waren wir, wie es bei Jungen gerne passiert, bei den großen und gefährlichen Tieren angelangt: Bei Wölfen und Bären. „Können die uns was machen?“ „Ja, klar! Die sind stark und haben scharfe Krallen und Zähne.“ „Gibt’s hier Bären und Wölfe?“ „Hmm… ich glaub‘ hier, bei uns, nicht. Aber im Schwarzwald gibt’s schon ein paar Wölfe und Luchse…“ Im Weitergehen beschlossen wir, wilde Tiere zu verjagen, wenn sie auftauchen sollten. Dazu suchten wir uns jeder einen großen Stock.
„Kann ich Deinen haben, Opa?“ „Ja, klar – warum willst Du den?“ „Weil – das ist eine Schießkanone. Und die will ich haben.“ „Aha – und was soll ich dann nehmen?“ „Du kriegst meinen Verjagstock, Opa. Mit dem kannst Du Bären verjagen.“ Also tauschten wir. Wir hielten erfolgreich alle wilden Tiere von uns fern. Und so kamen wir zum Abendessen alle wieder wohlbehalten zuhause an. Dank Schießkanone und Verjagstock! Die stehen seither neben unserer Haustür, und wer in den Wald geht, kann sich bedienen.

Opas mechanische Schreibmaschine

Bei den anderen Großeltern gibt es eine richtige Schreibmaschine! Ohne Strom und Bildschirm. Ein Schatz für Grundschüler! Da kann die Fina, zweite Klasse, richtig handwerklich Wörter und Sätze basteln. In den Corona-Zeiten ist es ja keine einfache Sache mit dem Schreiben- und Lesen-Lernen. Der Lehrer und die Mitschülerinnen sind weit weg. Da ist so ein sinnliches Erlebnis beim Lernen Gold wert!
Die Maschine scheppert und riecht ein bisschen nach Schmieröl und vergangenen Tagen. Wenn man zu schnell ist, verklemmen sich die Buchstaben. Fina kann praktisch erleben, wie die Wörter aus Buchstaben entstehen.
Klar – am Tablet (im Fernunterricht) ist das viel smarter und auch super cool. Auch Fehler kriegt man da leichter wieder weg. Aber Opas alte Mechanische ist ein unersetzliches sinnliches Fossil in diesen sterilen Pandemietagen.

Dem zehnjährigen Moritz haben es von Anfang an meine Gitarren angetan. Schon als kleiner Kerl zupfte er gerne an den Saiten. Oder er klopfte auf den Korpus und erforschte durch das Schall-Loch das dunkle Innere des Instruments. Ich habe eine leicht ramponierte alte Lagerfeuer-Gitarre, die dürfen die Kinder immer nehmen, wenn sie Lust dazu haben. Moritz nutzte sie auch schon als Kontrabass, um ein Musikvideo seiner Eltern zu imitieren. Nach und nach begriff er aber auch – und da ist das Wort „begreifen“ genau richtig – wie man verschiedene Töne macht. Und er bekam Lust, Gitarre zu lernen. Die erste Schülergitarre kauften wir dann gemeinsam ein. Seither geht er in den Gitarrenunterricht – und der funktioniert auch online einigermaßen.
Weil sein Onkel musikalisch in der Heavy-Metal-Branche tätig ist, besitzt Moritz mittlerweile auch eine E-Gitarre mit Verstärker. Und manchmal spielen wir zusammen – zur Freude aller Mitbewohnerinnen und Mitbewohner – das Intro von „Hells bells“…

Mit Enkeln in die Zukunft schauen

Aus diesen Beispielen wird mal wieder deutlich: Von einer lebendigen Beziehung zwischen Großvater und Enkelkindern profitieren beide.
Die Enkel schauen mit uns in die Vergangenheit.
Und wir schauen mit unseren Enkeln in die Zukunft.
Und da stellt sich uns natürlich auch die bange Frage: In was für eine Zukunft wachsen die Jungs und Mädchen von heute hinein? Und welche Welt hinterlassen wir ihnen?

Aber das ist eine andere Geschichte…

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