Opa und Enkel streiten

Opa und Enkel streiten

Streiten ohne allzugroße Verlierer

Oder: Was Opas mit UN-Blauhelmsoldaten gemeinsam haben

Konflikte gehören zum Leben. Das wissen wir alle.

Und mit Niederlagen ist das nicht anders. Deswegen hat es mir gefallen, wie sich Niko Kappel, mein schwäbischer Landsmann, bei den Paralympics über seine Bronzemedaille im  Kugelstoßen – trotz erhoffter Goldmedaille – gefreut hat.

„Du musst nicht immer als Sieger vom Platz gehen“

Das ist eine Message, die ich als Opa auch meinen Enkeln gerne mit gebe. Wenn wir Uno spielen, Autoquartett, das verrückte Labyrinth oder Fußball.

Klar ist es das Ziel jedes Mitspielers, zu gewinnen. Aber der Sinn des Spiels ist ja, dass wir Spaß und Freude miteinander haben. Dass wir gemeinsam etwas erleben.

„Können wir endlich mal wieder Uno spielen“, klagte meine Enkelin irgendwann im ersten Corona-Lockdown. Wir hatten uns Monate lang nur noch online oder mit jeweils einer Familie getroffen. Draußen, am Gartentor oder auf der Terrasse, mit Abstand und so wenig direkten Kontakt wie möglich.

Aber am Tisch sitzen und reden ist für Grundschülerinnen mit der Zeit auch langweilig. Fina hatte einfach Sehnsucht, wieder mal etwas gemeinsam zu erleben.

Und dieses gemeinsame Erlebnis ist, meine ich, der Sinn des Spielens. Das galt ja auch mal für die olympischen Spiele: „Dabei sein ist alles!“ war das Motto. Aber in dem Maß, wie die Olympiade zu einer großen Geldmaschine mit Profisportlerinnen und –sportlern geworden sind, interessieren dort nur noch Siege.

„Ich bin nicht der einzige Verlierer“

Zurück zum Spielen: Spielen macht, vor allem jüngeren Kindern, so lange Spaß, so lange sie immer wieder mal zu den Gewinnern gehören. Oder solange sie nicht alleine verlieren. „Ich spiele mit dem Opa zusammen“ meldet dann ein Enkel an. Dann hofft er zunächst, dass er mit dem Opa zusammen gewinnt. Aber wenn er verliert, ist er auch nicht alleine.

Deswegen spiele ich mit den jüngeren Enkeln auch Spiele mit kurzen Spielrunden – wie z.B. Uno – lieber. Da ist man einmal Gewinner, ein anderes mal Verlierer. Und öfter mal irgendwo dazwischen. Und wenn man auf die Verliererstraße gerät, ist die nicht so lange.

„Das Leben ist ein Spiel“

So heißt es in einem alten Pfadfinderlied *. Mir gefällt der Vergleich insofern, dass man im Spielen auch vieles fürs Leben lernen kann. Zum Beispiel, dass Niederlagen dazu gehören. Deswegen ist es auch förderlich, wenn Kinder gemeinsam mit anderen Sport treiben: Am einen Spieltag gehen sie dann als Sieger vom Platz, fühlen sich stark und triumphieren. Und am anderen Spieltag sind sie die Verlierer – und können sich gegenseitig beim Verarbeiten der Niederlage beistehen. Und sie wissen: Nächsten Samstag werden die Karten neu gemischt.

Das Problem auf manchen Sportplätzen sind eher die ehrgeizigen Väter, die ihre Leistungsvorstellungen auf die Jungs und Mädels übertragen…

Vom Opa können Enkel Gelassenheit lernen

Wichtig ist, dass Opa selbst ein guter Verlierer ist. Du bist ja Vorbild für Deine Enkel. Was macht Opa, wenn er verliert? Er darf ruhig traurig sein, sich ärgern, sich die Haare raufen – überhaupt: Er darf Gefühle zeigen, die zum Verlieren dazu gehören. Das ist ein guter Spiegel für die Enkel. Die sind ja auch traurig oder ärgern sich, wenn sie verlieren. Und das ist gut so.

„Neues Spiel – neues Glück!“ ist dann, nach verdauter Niederlage, ein gutes Motto, das den Blick wieder nach vorne richtet.
Weiter ist es wichtig, dass der Opa sich auch mit dem Sieger oder der Siegerin mit freuen kann. Dass er die Enkelkinder lobt, wenn sie gut gespielt haben. Beides stärkt ihnen nämlich  den Rücken: Das Mitfühlen beim Verlieren und das Mitfreuen beim Gewinnen. Dazwischen wächst dann auch schon bei Kindern eine leise Ahnung, dass beides zum Leben dazu gehört. Dass erste (und ebenso letzte) Plätze erheblich seltener sind als zweite, dritte und alle anderen.

Mit diesem Hintergrund fällt dann auch Streiten leichter.

„Streiten ist o.k.!“

Auch das ist eine wichtige Botschaft! In meiner Kindheit hat es immer geheißen: „Streitet Euch nicht!“. Aber das ist unrealistisch. Überall wo selbstbewusste Menschen zusammen kommen gibt es Streit. Jeder und jede hat in sich einen legitimen „Krieger-Anteil“, mit dem er oder sie sich für die eigenen Anliegen und Interessen einsetzt und stark macht. Und wo diese Interessen aufeinander treffen entstehen Konflikte. Im Kleinen geht es dann um einen Bagger im Sandkasten oder um eine größere Portion Eis – und im Großen z.B. um Grundstücke, Ländergrenzen oder Wasservorkommen.

Die Frage ist also nicht, ob man streitet, sondern wie man streitet.

Es geht um Fairness, also den Ausgleich ungleicher Voraussetzungen

Bei Kindern unterschiedlichen Alters spielt ja immer die Körperkraft eine wichtige Rolle. Große Geschwister sind da zunächst mal im Vorteil. Die Grenze oder der Übergang von der liebevollen Umarmung der kleinen Schwester zum Schwitzkasten ist manchmal fließend. Für ältere Geschwister (oder ältere Cousinen, Cousins) ist es ein wichtiger Lernprozess, die eigene Körperkraft zu kennen, sie aber nicht bei jeder Gelegenheit auszunutzen.

Manche Kinder sind im Bezug auf andere robuster oder einfach stärker. Andere sind schwächer oder schüchterner. Wenn nicht gerade ungestüme Körperkraft eingesetzt wird, ist es gut, sich nicht gleich einzumischen. Viele Kinder lösen ihre Konflikte auch überraschend selbständig miteinander.

Unsere Rolle als Großväter, als Erwachsene überhaupt, ist es, für Fairness zu sorgen, also dafür, dass die Anliegen jedes Kindes Platz bekommen. Und dass ein Kind sehen lernt, das auch andere Kinder berechtigte Wünsche und Interessen haben.

Dafür gibt es keine Patentlösungen. Dein Fingerspitzengefühl als Opa ist gefragt. Und Deine Fähigkeit, die Anliegen eines Kindes dem Streitreitpartner verständlich zu machen. Du kannst Kinder, gemäß ihrem Alter und ihren Fähigkeiten, auch in die Lösungssuche mit einbeziehen und zum Beispiel Fragen stellen.  Manchmal muss man kleine Rambos, wenn sie in Rage sind, aber auch einfach erst mal fest halten. Wenn du dabei nicht grob bist, spürt ein Kind auch darin, dass Du es ernst mit ihm meinst, dass es sich auf Dich verlassen kann.

Viel Freude bei den nächsten Ausflügen in die Welt der UN-Blauhelmsoldaten! ;-)

 

*) „Nehmt Abschied, Brüder schließt den Kreis, das Leben ist ein Spiel.

    Und wer es recht zu spielen weiß, erreicht das große Ziel.“

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