Liebe aus der zweiten Reihe

Mit anderen Worten: Opa sein macht glücklich!

Sonntagmorgen, 7:30 Uhr. Durch die Ritzen im Rolladen kommen schon ein paar Sonnenstrahlen. Am Fußende unseres Bettes macht sich einer zu schaffen. „Wer ist denn das?“ „Ich bin der Nachtkrapp!“ Wenn unsere beiden großen Enkel bei uns übernachten, die Jüngere (7) zwischen uns im „Gräbele“ *, der Ältere (10) nebenan auf dem Gästesofa, taucht diese seltsame Wesen morgens häufiger auf. Mit leisem Knurren wühlt der Nachtkrapp sich durch Federbetten und Wolldecken. Er will, dass wir uns fürchten. Und das tun wir!

Je wacher wir werden, und je mehr wir uns wehren, desto wilder wird er…

… und nach spätestens zehn Minuten steht die Oma lachend und leicht außer Atem auf. Sie lüftet die Bude und geht in’s Bad. Das Bett sieht schon aus, wie ein Schlachtfeld, aber wir drei toben noch ein Runde weiter.

Wenn ich ehrlich bin: Schöner kann ein Tag kaum los gehen! Die Zeiten, die ich mit meinen Enkeln verbringen darf, gehören zu den glücklichsten meines Lebens. Kindern von klein auf dabei zu zu schauen, wie sie sich ins Leben tasten, ist einfach wunderbar. Und immer wieder mit dabei zu sein, wenn sie ein paar Schritte weiter gehen, ist ein großes Geschenk.

Ich habe das schon als Papa mit meinen Töchtern sehr genossen. Ich hatte damals meine Arbeitszeit reduziert. Ich war an vielen Entwicklungen meiner Mädels nahe dran. Allerdings: Als Papa – zumal dann, als meine Ehe in die Brüche ging – waren da immer auch eine ganze Menge Sorgen.

Als Opa fühlt sich das Zusammensein mit meinen Enkeln einfach sehr locker an. Die Hauptverantwortung tragen ja die Eltern. Und die haben auch „die Hosen an“. Was geht, und was nicht geht, was erlaubt ist und was nicht – da orientiere ich mich an den Regeln, die Mama und Papa setzen. Meistens.

geiles eis

Einmal rutschte mir bei Vanilleeis mit heißen Himbeeren ein genüssliches „Geil!“ raus. Sofort kam die Frage des Erstklässlers: „Opa, darf man bei Euch ‚geil‘ sagen?“ Damit war klar: Daheim darf er das nicht. Leider herrscht unter Jungs an der Grundschule oftmals ein rauer Ton. Und der, der die übelsten Sprüche drauf hat, ist der Größte. Also klärten wir, dass das Wort ‚geil‘ eigentlich nicht o.k. ist. Dass die Eltern schon recht haben, wenn sie das erst mal verbieten. Aber dass, wenn einem etwas ganz besonders gefällt oder schmeckt, es schon mal passieren kann, dass einem so ein Wort raus rutscht…

Als Opa bin ich Libero in der Familie. Klar gibt es auch Pflichten, wenn ich zum Beispiel fest in die Betreuung der Enkelkinder eingeplant werde. Aber auch dann fühle ich mich sehr frei! Wenn die Enkel da sind, schau’n wir einfach, wozu wir gerade Lust haben: Der Dreijährige zum Beispiel, der fährt zur Zeit total gerne Bus und U-Bahn. Und ich habe eine Jahreskarte.

Was gibt es schöneres, als mit einem neugierigen kleinen Kerl auf dem Nebensitz durch die Stadtteile zu fahren und aus den Fenstern zu schauen? Wir sehen Kranen und große Bagger. Einmal hört man ein Martinshorn und ein Blaulicht blinkt: „Was ist da los?“ Ein Mann mit Bauhelm steht am Straßenrand. „Ist das Bob der Baumeister?“ …

So fühlt sich Glück an!

Ich bin da, liebe und werde geliebt. Manchmal, wenn Enkel da sind, schau ich ihnen erst mal nur zu. Mit der Zeit lass ich mich von ihrem Spiel, ihren Ideen anregen und es entsteht etwas Gemeinsames. Eine Holzeisenbahn, ein Lego-Schiff, eine Sandlandschaft.

Psychologisch gesehen regen die Enkel das „innere Kind“ in ihren Großeltern an. Wenn das Enkelkind und mein „inneres Kind“ miteinander in Kontakt kommen, entsteht Resonanz, Lebendigkeit, Freude. Und das tut uns beiden gut. Wichtig ist mir dabei, dass die Kinder den Abstand zu mir selber wählen können. Wenn sie ihre Ruhe wollen – und das ist öfter der Fall – respektiere ich das. Kleineren Kindern reicht es oft, wenn jemand zu ihnen auf den Boden sitzt. Dann spielen sie selbständig und versonnen vor sich hin. Und wenn dann nach einer Weile Miteinander angesagt ist, mische ich gerne mit! Und hinterher haben wir zusammen etwas Schönes erlebt. „Kann ich da bleiben?“ heißt es dann, wenn der Papa zum Abholen kommt.

„Wenn Du kein Ziel hast, ist jede Richtung richtig!“ Diese augenzwinkernde Regel, die planloses Management auf die Schippe nimmt, macht als Opa mit Enkeln viel Sinn: Kinder gehen gerne eigene Wege, sind gerne selbständig und haben eigene Ideen. Auch die Kleinen. Und wenn Du sie als Opa dabei begleitest, für Schutz sorgst, hier und da auch für eine kleine Anregung, dann ist das oft schon genug. Und so einfach!

Junge Familien müssen heute viele verschiedenen Dinge auf die Reihe kriegen. Die Balance zwischen Berufen und Familie ist für Väter, Mütter und Kinder anstrengend. Da müssen Kinder oftmals auch „funktionieren“ und vieles muss schnell gehen. Beim Opa (und bei Oma) ist das anders. Da ist (meistens) kein Druck. Da ist mehr Zeit, und mehr Gelassenheit. Und die Liebe hat viel Spielraum. Das sind gute Voraussetzungen für’s Glück.
Glücke als Opa genießen
Genießen Sie es!

*) schwäbisch: der kleine Graben zwischen den Matratzen

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