Opa ist sehr wichtig für die Enkelkinder
Opa ist sehr wichtig für die Enkelkinder

Jungs und Mädchen brauchen Männer!

Warum der Opa wichtig ist

 „Wenn Georg, unser Azubi, morgens in die Kita kommt, wird er sofort von vielen Kindern belagert. Nicht nur die Jungs, auch die Mädchen fahren voll auf ihn ab!“ Solche Geschichten mit männlichen Mitarbeitern erzählen mir Erzieherinnen oft. Und meisten finden sie es ungerecht, dass Männer für die Kinder in der Kita so attraktiv sind. Wo doch die Frauen die meiste Arbeit machen.

Häufig  ist es bei uns daheim auch so: Wenn der dreijährige Enkel zu uns kommt, fragt er gleich: „Ist der Opa auch da?“ Dass die Oma da ist, ist für ihn einfach selbstverständlich. Sie holt ihn einmal in der Woche vom Kindergarten ab und kümmert sich bis abends um ihn. Sobald ich dann aber nach der Arbeit heimkomme, gerät Omi schnell mal in die zweite Reihe.

Warum ist das so?

Na ja – die Hauptarbeit in der Erziehung der Kinder machen immer noch Frauen: Die Mütter, die Erzieherinnen in Hort und Kindergarten, die Leiterinnen von Krabbelgruppen, im Kinder-Sport und vielen anderen Angeboten. In der Grundschule treffen Kinder wieder überwiegend auf Lehrerinnen. Auch bei den Großeltern kümmert sich die Oma in der Regel mehr um die Enkel, als der Opa.

Wenn ein Kind hierzulande zehn Jahre alt ist, hat es viele und verschiedene Frauen hautnah und in Reichweite erlebt. Aber meist nur wenige Männer.

Das ist schlecht für die Jungs. Denn woher sollen die lernen, wie es sein könnte, ein Mann zu werden? Jeder kennt das: Wenn lebendige Vorbilder in Reichweite Mangelware sind, suchen sich die Jungs ihre Vorbilder aus Geschichten, Medien und in der Phantasie. Sie ziehen sich das T-Shirt von Manuel Neuer oder Neymar über und fühlen sich stark. Und wenn ich bei der Familie meiner Tochter übernachte, weckt mich gerne mal ein Ritter, Spiderman oder Luke Skywalker mit seinem Laserschwert. Das ist erst mal ganz normal, meistens lustig – und ich spiele da gerne mit. Aber müssen es immer Helden sein?

Jungs brauchen den Opa

Wo lernen Jungs, dass Männer keine Überflieger sein müssen?

Am besten lernen sie das im Kontakt mit ganz gewöhnlichen Männern. Mit dem Papa, mit Nachbarn, mit Erziehern – oder eben mit dem Opa. Vorausgesetzt der hat Zeit und kümmert sich um seine Enkel. Beim Spielen, Balgen, Basteln und Werken, Legobauen, Wandern, Kochen und Backen oder beim Spülen, Aufräumen, Wäsche zusammenlegen zusammen mit dem Opa erlebt und spürt ein Junge hautnah, wie sich ein Mann anfühlt. Dazu gehören Freude und Traurigkeit, Erfolg und Misserfolg, Kraft und Müdigkeit, Schweiß, Tränen und lautes Lachen.

Und noch vieles mehr.

Mädchen brauchen den Opa

Aber auch die Mädels brauchen lebendige, konkrete Männer, wie den Opa, in Reichweite. Denn so lernen sie, dass sie nicht nur nach smarten Märchenprinzen, muskulösen Beschützern oder nach uniformierten Kreuzfahrtkapitänen Ausschau halten, wenn sie einen Freund suchen.  Sondern sie bekommen eine Ahnung davon, dass Männer ganz alltägliche Menschen sind: Mal energisch, mal schwach, manchmal sympathisch und manchmal unbequem, aber hoffentlich fair und sozial kompetent.

Was passiert, wenn Sie mit einem ihrer Enkeljungs zwischen drei und sieben Jahren durch die Straßen gehen, und Sie kommen an eine Baustelle? Genau! Sie bleiben stehen und schauen. Warum? Weil da Männer arbeiten. Und weil diese Männer kraftvolle Maschinen, Bagger, Kranen und Lastwagen, bedienen.

Diese Sehnsucht von Jungs, Männer zu erleben, kann ich mir nur so erklären: Jungen ahnen oder wissen, dass sie Männer werden. Und das macht sie interessiert und neugierig, wie das aussieht und wie sich das anfühlt: Mann sein.

Was Jungs schnell kapieren, ist, dass Männlichkeit etwas anderes ist als Weiblichkeit. Deshalb entwickeln manche auch den Hang, Mädchen und Frauen abzuwerten. Sie wollen dann keine Puppen, keine Klamotten in „Mädchenfarben“ und keine „Mädchenspiele“. Auch das ist als Episode im Aufwachsen normal.

Wichtig ist aber unterm Strich, dass Jungs und Mädchen einfach im Alltag möglichst viel Kontakt zu Papa, den Opas und anderen Männern haben. Ähnlich wie bei den vielen weiblichen Vorbildern, entdecken sie dann auch bei den männlichen Vorbildern die Unterschiede. Sie spüren, was sie mögen und was ihnen nicht so sympathisch ist. Und sie lernen dass Männer ganz verschieden, und weiß Gott nicht immer stark, überlegen oder souverän sind.

Als Opa erinnert man sich vielleicht noch daran, wie man sich als Junge gefühlt hat. Du kannst nachvollziehen, was in einem Jungen vorgeht. Das spürt ein Junge – und gibt ihm Sicherheit. Hier ein Beispiel:

Mein ältester Enkel wird in der Länge und im Körpergewicht demnächst von seiner kleinen Schwester überholt. Das findet er natürlich blöd. Er ist auch in der Klasse einer der Kleinsten. Er macht viel Sport, geht zum Fußball und ist trotzdem ein „Spargeltarzan“.
Ihm tut es dann total gut, wenn wir zusammen mein altes Fotoalbum anschauen. Auf den Bildern sieht er, dass ich mit zehn Jahren auch ein magerer Hänfling war. Und es hat ihn sehr gefreut, als er bei meinem sechzigsten Geburtstag gesehen hat, dass meine vier jüngeren Brüder alle größer sind als ich.

Das heißt: Du musst als Opa nicht der Größte sein, und übrigens auch nicht alles richtig machen. Im Gegenteil. Sei, wie Du bist. Und wenn Dir was misslingt, oder Du an Grenzen kommst, gib‘s zu. Denn damit trägst Du dazu bei, dass Deine Enkel, Jungen wie Mädchen, schon in frühen Jahren lernen: Männer sind – wie Frauen auch – ganz verschiedene und ganz normale Menschen. Und mit denen macht das Leben viel mehr Spaß, als unter lauter „Supermännern“!

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