Grenzen setzen bei den Enkelkindern

Grenzen setzen bei den Enkelkindern

 

Warum Anforderungen und Grenzen gut für die Entwicklung sind

Auch an Widerständen können Kinder wachsen.

Wer kennt noch das Lied „Oma so lieb, Oma so nett…“ das Heintje in der 60ern aus den Lautsprechern der damals noch verbreiteten Röhrenradios schmetterte? Die Opas und Omas von heute vielleicht schon noch:

„Und schimpft dann meine Mutter:

‚Ach Du verwöhnst ihn noch!‘

Dann lächelt meine Oma,

und sagt: ‚Das darf er doch!“

So heißt es da in einer Strophe.
Omas (und Opas?) sind also die, bei denen die Grenzen, die daheim bei den Eltern gelten, außer Kraft gesetzt sind.
Da geht’s lockerer zu, nicht so streng. So war das in den 60ern des letzten Jahrhunderts. Vielleicht…

Heute, Jahrzehnte später, klagen Erzieherinnen, Lehrer und Eltern darüber, dass viele Kinder es nicht mehr gewöhnt sind, dass ihnen Erwachsene Grenzen setzen.
Oder Anforderungen stellen.
Und viele Kinder tun sich schwer damit, Regeln zu akzeptieren. Deshalb meine Frage:

Wie lernen Kinder, Regeln einzuhalten, Grenzen zu respektieren und Anforderungen zu bewältigen?

Dazu zwei kleine Beispiele:

Bei uns ist, seit wir Enkel haben, die Holzeisenbahn eins der beliebtesten Spielsachen.
Die Jungs interessiert dabei eher der Zusammenbau der Gleise, der Brückenbau und das Rollenlassen der Züge.
Unsere Enkelin hatte häufiger auch die Gestaltung mit Bäumen, Kühen und Playmobilfiguren im Sinn, wenn sie mit der Holzeisenbahn spielte.
Aufräumen müssen wir die ganzen Sachen aber meistens selber.  ;-(

Und das kam so: Unser heute 10jähriger Enkel spielte vor sechs oder sieben Jahren mit eben dieser Holzeisenbahn. Wir hatten sie noch nicht lange. Anfangs baute ich ihm eine Strecke und er schob den Zug auf den Holzgleisen im Kreis herum. Und nach und nach lernte er selber, die Gleise zusammen zu stecken, mit Brücken, Tunnel und Schranke …
Einmal kamen abends seine Eltern, um ihn abzuholen.
Moritz‘ Papa schlug vor, noch ein bisschen aufzuräumen. Ich stimmte ihm zu und holte die Kiste dafür her. Nur Moritz wollte nicht so recht. Also versuchten wir, ihn zu animieren …
„Ach lass ihn doch“, meinte dann die Omi. Ihr schien das zu streng.

Das Ende brauche ich nicht erzählen.

Diese Situation kennt jeder: Du setzt eine Grenze, oder stellst eine Anforderung an ein Kind – und ein anderer Erwachsener meint, das sei zu viel verlangt. Oder wäre jetzt nicht angebracht.

Für die Kinder heißt das, ich kann mir den bequemen Weg aussuchen. Denn wenn eine – im Moment vielleicht unangenehme – Anforderung eine angenehme Hintertür hat, nehme ich doch lieber die.

Und so war es dann auch immer wieder beim Thema „Aufräumen“: Die Hintertür stand offen. Und die Großen räumten auf.

Ein anderes Beispiel:
Wenn ich mit meinen Enkelkindern Ausflüge mache, habe ich meistens Vollkornkekse dabei. Ich mag sie selber. Sie sind ein prima Snack und ein guter Kompromiss aus „was Süßes“ und nahrhaft-sättigend. Wenn ich alleine mit den Kindern unterwegs bin, schmecken „Opa Tillis Kraftkekse“ ohne Einschränkung. Einer der Enkel meinte, als seine Mama ihm zuhause was einpacken wollte, sogar. „Ich brauch nichts – Opa hat ja seine Kraftkekse dabei!“

Im Gegensatz zu Opa hat Omi öfter Lust, die Kinder zu verwöhnen.
Wenn sie dabei ist, kommt schnell mal die Frage: „Omi, hast Du Schokolade?“ Und auf Omi ist meistens Verlass!   ;-)

Ich kann dann allerdings meine Kekse alleine essen …

Grenzen setzen oder Anforderungen stellen – das sind schwierige Kapitel

Wir, Eltern und Großeltern, wollen alle, dass es unseren Kindern und Enkeln gut geht.
Wenn Kinder an eine Grenze stoßen oder vor einer Anforderung stehen, geht es ihnen erst einmal nicht gut. Sie äußern ihr Missfallen  dann altersgemäß mit Schreien, Schimpfen, Maulen, Widersprechen, Auswege suchen oder Argumentieren. Das ist normal.

Wir machen das ja auch manchmal so, wenn uns etwas gegen den Strich geht.

Mein Eindruck ist, viele Eltern und Großeltern halten es heute schlecht aus, wenn ein Kind Unwohlsein äußert. Das stört. Manche wollen auch gerne Freund oder Freundin der Kinder sein. Viele Junge Eltern betonen bei Elternabenden gerne, sie wollen ihren Kindern „auf Augenhöhe“ begegnen.

Im Hinterkopf spielen da oft eigene Erlebnisse oder Bilder von harten, autoritären, lauten, übergriffigen oder groben Erwachsenen mit. Von denen möchte man sich verständlicherweise abgrenzen.

Manche von uns haben ja auch wirklich schlimme Eltern erlebt. Viele schütten dabei das Kind allerdings mit dem Bade aus. Sie verpassen dadurch die Möglichkeit einer guten und erwachsenen Autorität.

Autorität tut Kindern gut, wenn sie liebevoll, nahbar und in einen guten Kontakt mit dem Kind eingebettet ist.

„Augenhöhe“ ist das Ziel von Erziehung. Sie stellt sich in dem Maße ein, wie Kinder größer und erwachsener werden.

Auf dem langen Weg dahin, bist Du, als Erwachsener „der Große“. Der, der vieles besser weiß. Du und das Kind seid – auch wenn Ihr Euch sehr mögt – nicht auf Augenhöhe. Du siehst viel mehr und hast viel mehr Erfahrung. Du bist der, der Gefahren abschätzen kann; der hoffentlich  weiß, was Kindern gut tut; der aber auch weiß, was Kindern langfristig schadet und wo Kinder (zum Beispiel in der Spielwaren- und Süßwarenindustrie) Zielscheibe von Geschäftsinteressen sind.

Heute ist viel von „Resilienz“ die Rede. Und die Frage ist: Was macht Kinder robust, widerstandsfähig, flexibel und stark?

Meine Antwort darauf:
Resilient werden Kinder am ehesten, wenn sie

  • Vertrauen spüren und erfahren.
  • Altersgemäße und sinnvolle Grenzen erleben, an denen sie sich orientieren können.
  • sich selbst als schöpferisch, tatkräftig und produktiv erleben dürfen.
  • die Erfahrung machen: Ich kann Schwierigkeiten, Anforderungen bewältigen. Und wenn nötig, helfen mir dabei andere.

Eltern wollen gute Eltern sein. Omas gute Omas. Und Opas gute Opas. Und jede geht da ihren, und jeder seinen Weg.

Meine Erfahrung ist:
Wenn Du eine sinnvolle und notwendige Grenze setzt, zum Beispiel „Nicht in jeder Pause Süßes“ oder „Nach dem Spielen räumen wir zusammen auf“ – und Ausnahmen bestätigen diese Regeln – , gibt das den Kindern Orientierung.
Also: Nur Mut, wenn Du das Gefühl hast: Jetzt ist genug. Oder wenn Du weißt, was jetzt angesagt ist: Sag es klar und deutlich! Und bleib dabei. Liebevoll. Beharrlich.

Auf Dauer tut das allen gut: Dir, den Kindern und Eurem Miteinander.

Viel Glück dabei – und einen schönen Sommer mit den Enkeln!

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